Kultur

Schwetzinger Festspiele Ensemble Les Passions de l’Ame spielt Werke der Bachs / Belcea Quartett macht ernst

Empfindsamkeit und Verklärung

Durchschreitet das Belcea-Quartett ganze Epochen und nutzt die Kontrastwirkungen, die jene Grenzüberschreitungen ermöglichen, so wirkt der Blick aufs Konzertprogramm mit dem Ensemble Les Passions de l’Ame zumindest wenig revolutionär. Doch der oberflächliche Blick täuscht auch in diesem Fall.

Denn zwischen Johann Sebastian Bach und seinen vier Söhnen, denen er zumindest einen Teil seiner unerschöpflichen künstlerischen Potenz vermacht hat, liegen Welten. Nur eine Generation weiter, und schon öffnen sich neue Möglichkeiten des Ausdrucks und ist die strenge Kontrapunktik des Barock den Stilmitteln der Empfindsamkeit gewichen – mit gelegentlichen Anklängen an die spätere Romantik.

Aber natürlich sorgt vor allem die Interpretation des familiären Oeuvres durch das mit der historischen Aufführungspraxis umfassend vertraute Passions-Ensemble im Schwetzinger Rokoko-Theater für ein inspirierendes Konzerterlebnis. Freilich: Johann Sebastian Bachs Cembalokonzerte, jeweils in der Mitte der beiden Konzerthälften platziert, künden vom unerreichbaren künstlerischen Rang des Vaters, zumal mit Kristian Bezuidenhout ein ausgewiesener Spezialist am Instrument sitzt.

Unter der Leitung von Konzertmeisterin Meret Lüthi beweisen die Schweizer nicht nur eine ausgeprägte Sensibilität in der Abstimmung mit dem Solisten. Sie dokumentieren dank des schnörkellosen, kantigen und nicht einmal die Andeutung eines Vibratos aufweisenden Klangs, wie revolutionär die Beschäftigung mit einem Repertoire sein kann, das auf dem ersten Blick nur wenig Aufregung verspricht.

Aufregend ist auch das Konzert der vier Streicher des Belcea Quartetts – sowie die (finanziellen) Umstände, unter denen so manche Komposition entstanden ist. Denn derart kunstvoll hat sich wohl noch niemand an einen potenten Geld- und Machthaber herangeschleimt. Falls man das über einen Komponisten-Gott so sagen darf, es geht schließlich um Mozart – und die „Preußischen Quartette“.

Cellist singt ein Thema vor

Widmungsträger war der zweite Friedrich Wilhelm, ein ganz leidlicher Cellist. Und so darf ein Cellisten-Profi wie Antoine Lederlin vom Belcea Streichquartett im zweiten Satz des zweiten Werks den Mitspielern das Thema vorsingen. Doch solche Änderungen in der Hackordnung passen zu Musikern, die Individualität auch sonst hoch schätzen.

Es ist ein moderner Interpretationsansatz, die Klangereignisse tendieren zur Vereinzelung und zeigen viele kleine Brüche. Dennoch sackt in Schwetzingen die lineare Spannung niemals ab – das ist das Magische an diesen Belcea-Musikern. Ihr Stil passt zu der herben Frühmoderne eines Janácek noch besser, und in dessen erstem Streichquartett, einer vertonten Ehe-Katastrophe, wird das Drama gnadenlos empor gepeitscht. Bei Mendelssohn, der im f-Moll-Quartett seiner Schwester nachtrauert, ist aus dem sommerlichen Elfenspuk ein winterlicher Totentanz geworden. Der Charakter ist ein manischer, und alles gipfelt im Finale, wo die charismatische Corina Belcea an der Ersten Violine eine Königin der aufgewühlten Trauer gibt. Doch in der zugegebenen Beethoven-Cavatina (aus dem 13. Quartett) folgt die Verklärung. urs/HGF