Kultur

Kleinkunst Jochen Malmsheimer gastierte mit seinem neuen Programm „Dogensuppe Herzogin“ im Tauberbischofsheimer Engelsaal

Enorme sprachschöpferische Fantasie

Jochen Malmsheimer, der unlängst mit seinem aktuellen Programm im sehr gut besuchten Engelsaal des Kunstvereins Tauberbischofsheim debütierte, sieht nicht unbedingt so aus, wie man sich einen zünftigen Kabarettisten/Comedian von heute vorstellt, aber er stellt etwas vor:

Ein dunkelblond vollbärtiger, schwergewichtiger und etwas tapsig daherkommender Bär von einem Mann (ganz der Typ „westfälische Eiche“), von eindrucksvoller Körperlichkeit und noch weit eindrucksvollerer Stimme: Eine aus tiefsten Tiefen hervorbrechende Stimmgewalt mit einem Einschlag dräuender Dämonie – wenn er unversehens mit entfesselter Wut losbrüllt, fährt einem unwillkürlich der Schreck in die Glieder – und dabei von einer Artikuliertheit und Wandlungsfähigkeit in Hinsicht Dynamik, Phrasierung usw., die einem Opernsänger alle Ehre machen würde.

Sprachgewalt

Dass der gelernte Buchhändler (Jahrgang 1961) trotzdem nicht als Hagen oder Rocco die Bühne eroberte, sondern im vergleichsweise leichteren Fach der Kleinkunst (unter anderem als „Hausmeister“ in „Neues aus der Anstalt“) reüssierte, muss mit einer anderen Eigenschaft zusammenhängen: Nämlich seiner schon fast lutherischen Sprachgewalt, einer souveränen Beherrschung der deutschen Sprache (heutzutage auch für einen Profi-Kabarettisten zwar wünschenswert aber keinesfalls selbstverständlich) und dazu eine enorm sprachschöpferischen Fantasie in Verbindung mit satirischer Schärfe und Treffgenauigkeit, die ihm in der bunten deutschen Kabarett- und Comedyszene von heute so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal beschert hat.

Außerdem verfügt Malmsheimer eine bemerkenswerte Bildung im herkömmlich bürgerlichen Sinne, die er immer mal wieder in seine anspielungsreiche, mit allerlei grotesken Metaphern gespickte Wortakrobatik einfließen lässt.

Das heißt zugleich: Seinem Publikum wird im Lauf der zweistündigen Vorstellung einiges abverlangt, es muss gehörig die Ohren spitzen, sonst bringt es sich selbst um einen Gutteil der dicht geballten Blütenlese brillanter, zuweilen auch etwas überwürzter Polemik. Kaum meinte man einen Witz verstanden zu haben, war Malmsheimer schon beim übernächsten angelangt.

So auch in „Dogensuppe Herzogin“, seinem mittlerweile achten Programm. Der Rahmen ist schnell erzählt: Der Held der Geschichte tritt wegen Flugangst zusammen mit seiner Gattin und einem typischen Querschnitt bundesdeutscher Kleinbürger eine Busreise nach Venedig an und hat während der Fahrt genug Muße, seine älteren und jüngeren Mitpassagiere zu beobachten – Gelegenheit zu allerlei boshaften Apercus – und im Dämmerzustand Erinnerungen (vorwiegend Fernsehserien) und Reflexionen nachzuhängen.

Im Traum erscheinen ihm dabei die Helden und Fantasiegestalten seiner Kindheit und Jugend von Odysseus über Robin Hood, Captain Ahab (aus „Moby Dick“) und John Silver (aus „Die Schatzinsel“), ein dreigeteilter „Winnetou“, ein ständig furzender Luther und der Doge von Venedig.

Es entspinnt sich ein Rollenspiel-Gespräch über den beklagenswerten Zustand der Gegenwart, ihre Verdummungs- und Verrohungstendenzen, was dem Erzähler Gelegenheit zu einem (manchmal etwas aufgesetzt wirkenden) Plädoyer für Bildung, Vernunft und Humanität gibt (so wie sie vor 500 Jahren schon Erasco von Rotterdam propagierte).

Der ätzende Polemiker entpuppte sich so am Ende als klassischer Aufklärer und Moralist – nicht unbedingt originell aber dank Malmsheimers kreativer Sprachkunst bis zum Ende immer anregend und unterhaltsam.