Kultur

Entschleunigung durch Corona

Liebes Corona-Tagebuch,

liebe Leserinnen und Leser,

ich will heute ein paar Sätze über Entschleunigung schreiben. Ich habe da nie daran geglaubt: dieses überbewusste „Tiefer-atmen-bitte!“. Ich fand es richtig, mit dem Rhythmus zu gehen, ja zu sagen zu den Dingen.

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Aufgesetzte Achtsamkeit, das brachte mich sogar zur Weißglut. Nichts spannt mich mehr an als ein gehauchtes „Entspannen Sie sich!“ Mein einziger Workshop zum Thema „Achtsamkeit“, den ich meinte buchen zu müssen, frustrierte mich schon in der ersten Stunde, weil ich ewig auf einer Rosine herumkauen sollte, um ihre verschiedenen Geschmäcker genau zu schmecken. Rosinen schmecken einfach schlecht, wenn man ewig auf ihnen herumkaut, dachte ich, kein achtsamer Mensch mutet sich absichtlich etwas zu, das nicht schmeckt und denkt, er tue sich gut damit, nur, weil er so Achtsamkeit erlernt. Ich bin da stur.

Ich habe das von meiner Großmutter gelernt. Bei ihr sah ich, was ich tätige Achtsamkeit nenne. Sie war immer in Bewegung, bis in ihre Neunziger hinein hatte sie ihre Ziegen, Katzen und Trauben am Haus. Sie kümmerte sich um ihre wenigen Besitztümer, für mich war sie etwas wie der kleine Prinz des Hinterlands. Ich sah an ihr, wie viel die Dinge bedeuten, wenn du deine Zeit, Liebe und Kraft hineingibst. Wie sehr du wächst, mit den Dingen, die mit dir wachsen. Und dass es Zeit braucht. Und auch, dass Zeit für dich ist.

Mit dem Buddhismus hat der Katholizismus ja auch deshalb so einige Probleme, weil der Katholizismus den Menschen ins Außen ruft, während der Buddhismus in die Entsagung vom Außen. Das wird jetzt vor keinen Buddhismus-Experten Stand halten, das ist nur meine persönliche Bilanz des Wohlfühl-Buddhismus, der in der westlichen Welt rund ums Yoga verkauft wird. Ich weiß nicht, warum ich 20 Euro bezahle, um in kleinen Räumen mit allen möglichen Menschen zu schwitzen, um am Ende der Stunde vom Universum geliebt zu werden. Die Lebensart meiner Großmutter war billiger, und entspannter.

Dieser Lockdown hat mir aber gezeigt, wie leicht uns der Takt heutzutage wegtreibt von diesem inneren Rhythmus, den Großmutter in ihrem Steinhaus hatte. Und wie leicht die Ruhe doch zu finden ist, wenn man wieder auf sich hören lernt. Man muss dafür keine teuren Lebenskurse buchen. Nur ruhiger hinhören - und folgen. Bleiben Sie gesund.

Jagoda Marinic

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