Kultur

Er ist der, der nie aufgab

Archivartikel

Meine erste Begegnung mit dem großen Komponisten erfolgte im frühen Klavierunterricht, der Funke sprang gleichwohl erst in der Pubertät über, als ich die dicken Bände mit den 32 Klaviersonaten in die Finger bekam. Abende lang saß ich im Wohnzimmer am Klavier und erkundete Beethovens Werke, während meine Eltern auf der Couch warten mussten, bis sie fernsehen durften. Dann ging ich in mein Zimmer und legte eine Platte mit einer seiner Sinfonien auf, manche Sätze hörte ich mehrere Male hintereinander. Diese Musik packte mich.

Jahre später machte ich als Klavierlehrer die Beobachtung, dass viele meiner Schüler gerade im jugendlichen Alter plötzlich Beethoven für sich entdecken, sich für ihn begeistern. Woher kommt es, dass dieser Mann mit seiner Musik Jugendliche von heute in seinen Bann zieht? Beethoven, der Grimmige, der bewusst gegen Konventionen verstößt, die Dissonanzen auslebt, insistierend viele Takte lang auf der Dominante beharrt, Widerstand aufbaut und schließlich bricht. Und dann eine ganz gegensätzliche Seite zeigt, voller Anmut und Zärtlichkeit. Welch eine Spannung zwischen diesen Polen! Beethoven wirkte in einer Zeit voller Umbrüche in Gesellschaft und Politik, im Übergang von Klassik zu Romantik. Vielleicht trifft er deshalb so gut den Nerv junger Menschen, die ebenso in ihrem Leben zwischen zwei Entwicklungsstufen stehen?

Kampf gegen das Schicksal

Je länger ich mich mit seinem Werk beschäftige, desto größer wird meine Bewunderung für die Fortschrittlichkeit und kunsthafte Durcharbeitung seiner Kompositionen. Und für den Menschen. Man stelle sich vor: Dieser Mann hat sein Leben der Musik verschrieben und muss plötzlich erkennen, dass er das Gehör verliert! Die meisten Menschen hätten aufgegeben. Nicht Beethoven. Er kämpft gegen das Schicksal – und gewinnt.

Thomas Jandl ist Pianist, unterrichtet Klavier an der Musikschule Mannheim und leitet dort auch die Fachgruppe Tasteninstrumente und Theorie. In der Kolumne „Mein Beethoven“ schreiben anlässlich seines 250. Geburtstages das ganze Jahr über Menschen über ihr Verhältnis zum Komponisten.

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