Kultur

Performance In „dökk“ wird der Datenwust tänzerisch behandelt

Erhebender Rausch

Archivartikel

Sich dem täglichen Wust aus Daten, Gefühlen und Pflichten nicht zu entziehen, sondern ihn bewusst als Kunst zu gestalten, scheint eine Herkulesaufgabe. Und doch ist es nicht weniger als diese Mission, die das italienische Künstlerkollektiv *fuse mit seiner Performance „dökk“ verfolgt – und grandios zu meistern versteht. Was im isländischen Titel wortwörtlich die Dunkelheit bezeichnet, in der Atome, Teilchen und elektromagnetische Felder autonom interagieren, verwandelt sich auf der Hinterbühne das Pfalzbaus zu einem Wirbelsturm des digitalen Sturm und Drang.

Klug arrangiertes Konzept

Denn statt sich allein auf jene Mächte zu fokussieren, die als Urknall einst die Welt formten, entsteht ein Beamer-projizierter Kosmos aus analysierten Gefühlen und gemessenem Herzschlag, informativer Überfrachtung und der Macht des eigenen Willens. Ein klug arrangiertes Konzept, mit dem die Regisseure Mattia Carretti und Luca Camellini visuell zu überwältigen verstehen. Da mögen gigantische Datensätze als Partikelstürme Tänzerin Elena Annovi anfangs noch so heftig aus den Angeln heben: Als sie lernt, den Wust abzuwehren, wird aus der Masse eine Chance. Eine Chance des Ausweichens, um allein in jene Welten voll und ganz einzutauchen, die Herzen wirklich höher schlagen lassen. Ein Akt zwischen Hellsicht, Selbstermächtigung und Schwerelosigkeit.

Sieg über Computermächte

Die Seile, an denen die Tänzerin bisweilen meterhoch durch die projizierten Landschaften gezogen wird, werden da fast schon unsichtbar. Denn wo die Liebe zum Leben die Gefahren seiner Kontrolle überstrahlt, markieren die freudigen Überschläge und wonnevollen Pirouetten einen Enthusiasmus, der zum erhebenden Rausch wird.

Die Sehnsucht nach etwas mehr Ruhe in laut gewordenen Zeiten klammert „dökk“ mit dem Herzschlag, der diese 58 Minuten eröffnet und beschließt, bewusst nicht aus. Doch alles in allem ist diese multimediale Performance vor allem ein Sieg über die Auslieferungsmentalität vor den Computermächten dieser Zeit. Wenig ist das nicht.

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