Kultur

Erinnerung an das Grauen

Archivartikel

Liebes Corona-Tagebuch,

liebe Leserinnen und Leser,

ich denke nicht oft an die Stunden im Physikunterricht, in denen mein Lehrer uns das Relativitätsprinzip nahezubringen versuchte. Lichtgeschwindigkeit, Zeit, Raum. Alle möglichen Experimente zur Veranschaulichung von Relativität. Ich weiß bis heute nicht, ob ich das Mysterium wirklich begriffen habe, aber ich weiß, es ging darum, dass räumliche und zeitliche Abstände von Ereignissen in gewisser Weise im Auge der Betrachter liegen.

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Wahrscheinlich passt diese Einleitung auch nicht zu diesem Thema, wahrscheinlich ist sie nicht mehr als ein wortreicher Schallschutz aus Theorie gegen die Erinnerungsdetonationen eines Grauens, das zu groß ist, um damit schnurstracks in Ihren Lesergeist zu fallen.

Am 6. Juli vor 25 Jahren begann das Morden in Srebrenica. Seit Montag dieser Woche denke ich daran, wie vor 25 Jahren Tag für Tag Kinder ihre Väter, Mütter ihre Söhne, Frauen ihre Männer verloren. Der Genozid von Srebrenica war der erste Völkermord in Europa nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Eine Stadt an der Grenze zu Serbien und gute zwei Autostunden entfernt von Sarajevo. Die Opfer des Genozids waren die Bosniaken, eine südslawische Minderheit von etwa drei Millionen Menschen, die in der Zeit des Osmanischen Reichs zum Islam konvertierten. Viele nennen sie bosnische Muslime. In jedem Fall sind es Menschen, denen ihre Menschenrechte versagt wurden, Hoffnungen und Träume, die in Massengräbern verschwanden. Vor den Augen der Weltgemeinschaft. Noch heute suchen die Mütter von Srebrenica die Knochen zahlreicher Toter, um sie beerdigen zu können.

Am 11. Juli ist der internationale Gedenktag für Srebrenica. Stellen Sie sich vor, Sie wachen in einer Gegend auf, in der jeden Tag Menschen verschwinden, während im Rest von Europa Frieden herrscht und die Menschen Besseres zu tun haben, als an Ihr Schicksal zu denken. Der Staatssekretär für Europa, Michael Roth, erinnert in einem Artikel daran, dass zur selben Zeit, im Juli 1995, in Berlin die spektakuläre Verhüllung des Reichstags durch den Aktionskünstler Christo das bestimmende Thema war. Während mitten in Europa Tausende von Menschen vernichtet wurden. Es ist diese Gleichzeitigkeit der Dinge, für die Relativität gar kein Ausdruck ist, die mich in diesen Tagen an meine Physikstunden zurückdenken lässt, als könnte es so Sinn ergeben.

Jagoda Marinic

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