Kultur

Literatur Caroline Labusch ergründet in ihrem neuen Buch ein bewegendes Schicksal / Winfried Freudenberg stürzte mit Gasballon ab

Erinnerungen an den letzten Mauertoten

Archivartikel

Zwischen 140 und 245 Menschen fanden, je nach Zählweise, in den Jahren von 1961 bis 1989 ihren Tod am befestigten Grenzstreifen mitten in Berlin. In ihrem Buch „Ich hatte gehofft, wir können fliegen“ geht die Autorin Caroline Labusch einem dieser tragischen Schicksale nach: Winfried Freudenberg, das letzte Opfer, das an der Berliner Mauer zu Tode kam – und dabei viel weniger Aufmerksamkeit als etwa Chris Gueffroy, das von Grenzsoldaten erschossene, zweitletzte Opfer, fand.

Die Autorin erzählt diese Geschichte in einer besonders interessanten Form. Die meisten Kapitel bestehen aus Berichten über die, gemeinsam mit ihrem Bekannten Ernst Schmid durchgeführten, Recherchen zum Fall Freudenberg. Dazwischen finden sich aber immer wieder romanartige Fragmente, aus der Sicht der Ehefrau des Opfers, Sabine Freudenberg. Am Anfang der Recherche stehen die beiden Hobbydetektive vor einem Berg an Fragen. Nur eines ist klar: Nachdem er am Abend des 7. März 1989 mit einem Ballon von Ostberlin aus aufgestiegen war, ist Winfried Freudenberg am frühen Morgen des 8. März aus großer Höhe über Westberlin abgestürzt und verstorben.

Rätselhafte Umstände

Aber warum konstruierte der Ingenieur keine Vorrichtung, mit der er hätte landen können? Warum ließ er seine Frau zurück? Warum warf er zwischenzeitlich Ballast ab und stieg noch höher? Und wie verzweifelt muss ein Mensch sein, um eine solch gefährliche Flucht zu wagen? Dem versucht das Duo nachzugehen. Schnell zeigt sich bei den Recherchen, dass die Interpretationen der Flucht, die damals in westdeutschen Zeitungen kursierten, die Motive Freudenbergs wohl nur unzureichend abbilden. Das größte Rätsel bleibt aber die unauffindbare Ehefrau des Toten. Die Familie Freudenberg pflegt keinen Kontakt mehr zu ihr. Sie hat ihren Namen geändert. Bei ihr, so die naheliegende Vermutung, liegen die Antworten auf die zahlreichen unbeantworteten Fragen. Die Recherchen führen das Duo von Berlin in die Provinz und durch ganz Deutschland.

Das Buch liest sich nicht wie ein nüchterner Bericht, es baut Spannung auf und fesselt. Über die gesamte Länge des Werks gelingt es Caroline Labusch, ihre eigenen Erfahrungen und Gefühlsregungen unterhaltsam wiederzugeben und den Leser in die Recherche eintauchen zu lassen. Die Entwicklung der Freundschaft zu Recherchepartner Ernst bildet einen interessanten Nebenschauplatz, der es ermöglicht, die beiden Charaktere näher kennenzulernen.

Darüber hinaus liefert die Autorin auch einen interessanten Beitrag zur Kommunikation zwischen Ost und West. Statt die Verhältnisse in der DDR von vornherein zu dämonisieren, gelingt ein differenzierter Blick auf die damaligen Zustände. So eröffnet sich eine neue Perspektive auf die Motive, die Winfried Freudenberg zu seinem waghalsigen Flug veranlasst haben.