Kultur

Erlesene Härte – von oben und unten

Archivartikel

Die Lektion am zweiten Tag bei Rock am Ring erreicht 86.000 Fans schon in den frühen Morgenstunden: Nur die Harten kommen in den Garten. Denn auch, wenn die Eifel trotz offizieller Warnung von einem Unwetter verschont bleibt, leisten Wind und Wetter ihren Beitrag dazu, dass zahllose Zelte kollabieren, vielfach an Schlaf kaum zu denken ist und selbst die sonst stets so resistenten Festivalgänger den anbrechenden Morgen konsterniert und in Pavillonplanen gehüllt begrüßen.

Unzerbrechliche Mentalität

Aus Trotz und Beständigkeit gleichermaßen glimmen da schon zum Sonnenaufgang die ersten Grills, um das Steak zum Frühstück rechtzeitig fertig zu haben – immerhin wartet neben der unerbittlichen Breitseite vom Himmel auch akustisch so mancher harte Brocken, um bewältigt zu werden. Wobei man Letztere an diesem Tag als genussfähig im wahrsten Sinne des Wortes begreifen darf. Bereits das Hardcore-Quartett von I Prevail liefert zum Auftakt auf der Crater-Stage vor erstaunlich vollen Rängen ein mächtiges Brett – die Alternative Metal-Combo Starset steht dem mit futuristischen Kostümen und einprägsamer Gesellschaftskritik in nichts nach.

Wegweisend ist das vor allem deshalb, weil sich mit den Akkorden auch die Widerstandskräfte verdichten und eine unzerbrechliche Mentalität formen, die selbst nordischen Verhältnissen oben am Zenit mit selbstbewusster Eskalation unten auf der Erde begegnet. Der Mathcore der Architects aus Brighton ist hier ein furioses Beispiel – der Melodic Death Metal von Trivium ein leuchtendes. Denn die Jungs um Frontmann Matt Heafy eröffnen eben nicht nur gigantische Moshpits, in denen die enthusiastischen Fans ihre Energien endlich in leidenschaftlichen Raufereien verschwenden können: Sie zünden ein melodisches Feuerwerk der Göteborger Schule, das es in sich hat.

Klangfarben, so reich wie der Sonnenschein

Wobei es auch am zweiten Festivaltag wieder die harten Kontraste sind, die faszinieren. Während die mächtig tätowierten Alternative-Jungs von Bring Me The Horizon für gitarrenlastiges Entertainment sorgen, besorgen Feine Sahne Fischfilet der Volcano Stage eine epische Punk-Party vor prächtiger Kulisse. Und die niederländische Sängerin Kovacs? Die brilliert mit einem rastlosen Pop Noir auf der Alternastage, der so manchen ebenso rastlosen Besucher plötzlich gefangen nimmt. Dass die 28-Jährige noch immer als Geheimtipp verhandelt wird, ist dabei ganz klar der Vorteil dieser leidenschaftlichen Frau mit dem kahlgeschorenen Kopf, die auch dem Maifeld Derby bestens zu Gesicht stehen würde.

Was freilich wenig daran ändert, dass es die ganz großen Namen sind, die diesen Samstagabend beschließen.
Die Ärzte etwa begehen einen mit stolzen zweieinhalb Stunden epischen, aber keineswegs länglichen Abschied. Mit einem provisorischen „Herz-te“-Aufnäher und einer schrecklich schiefen Eröffnungs-Fanfare von 20th Century Fox setzen Bela, Farin und Rod schon in den ersten Sekunden zwei humoristische Glanzlichter, denen in den kommenden 130 Minuten noch zahlreiche folgen sollten. Denn als sich die Flammen-Fontänen bei den Heavy Metal-Legenden von Slayer längst wieder verzogen haben und DJ Alle Farben mit den Fans der elektronischen Fraktion ins letzte Kapitel dieser Nacht einsteigt, wird die Mixtur aus Klassikern wie „Schrei“, „Westerland“ und „Junge“ noch von der erhabenen Masse gefeiert.
Als großes Highlight geht in die Annalen der Ring-Geschichte sicherlich die Smartphone-Choreographie ein, mit der das Punk-Trio aus Berlin „Die Besten“ jeweils im 90 Grad-Winkel rotieren lässt und damit ein visuelles Zeichen von meisterlicher Schönheit setzt. Die Lust auf den letzten Finaltag steigt da ins Unermessliche – komme, was wolle.

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