Kultur

Schauspiel Zimmertheater Heidelberg zeigt Politthriller

Ernst, brisant, beklemmend

Archivartikel

War da was? Soeben hat der Europäische Gerichtshof Polen und Litauen verurteilt, weil sie in unheiliger Allianz dem amerikanischen Geheimdienst die Einrichtung von Foltergefängnissen erlaubt hatten. Die USA wähnen sich nach Nine-Eleven im Kriegszustand, von Terroristen umstellt, die Staatsgewalt schlägt zurück, auf Einzelschicksale wird keine Rücksicht genommen. Ein Journalist deckt ein Geheimpapier der Regierung auf, in dem das Folterverbot aufgeweicht wird – diskret ausgedrückt.

Darum dreht sich der Politthriller „Komplize“ von Joe Sutton, der am Zimmertheater Heidelberg eine aufregend dichte Inszenierung durch die Prinzipalin Ute Richter erfuhr. Der Enthüllungsjournalist Benjamin Kritzer, dem Philip Leenders nahegehendes und differenziertes Profil verleiht, gerät selbst in den Fokus der Staatsmacht; ein anonymes Gericht will ihn zur Preisgabe der Quelle zwingen. Das Pikante dabei: Kritzer hatte selbst in einer Kolumne einst für gelegentliche Anwendung von Gewalt gegen echte oder vermeintliche Terroristen plädiert. Jetzt aber gerät er auch in den Sumpf staatlicher Hysterie. „Die reißen mir den Arsch auf“, barmt er.

Jeder muss allein bleiben

Helfen soll der Anwalt Roger Cowan: Christian Schulz spielt ihn jovial, dann zwielichtig bis hin zu einem Juristen, dem man sogar Parteienverrat zutraut, ist doch auch er auf vielfältige Weise mit Behörden verbandelt und von staatlichen Aufträgen abhängig. Auch Benjamins Frau Judith will nur das Eine: ihre Familie vor dem Ruin und gesellschaftlicher Ächtung schützen. Elisabeth-Marie Leistikow gibt ihr beherrschte Züge, doch ihre Ängste kann sie nicht verbergen.

Vor kahler Bühne, die nur durch das umlaufende Schriftband der Genfer Konvention „Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden“ umrahmt wird, entwickelt Ute Richter ein beklemmendes Psychodrama stetig wachsenden, gegenseitigen Misstrauens, in dem letztlich jeder allein bleiben muss. Ein ernstes, aktuelles und brisantes Stück.