Kultur

Schwetzinger Festspiele Simone Kermes singt Händel-Arien

Erschütternde Szenen, aufgewühlte Emotionen

Archivartikel

Ein Abend mit Werken von Georg Friedrich Händel. Darunter stellt man sich ein vergnügliches Konzert mit hübschen Melodien in einer adretten Kulisse wie dem Schwetzinger Rokoko-Theater vor – und dann das: erschütternde Szenen, aufgewühlte Emotionen. Natürlich hat Händel in seinen Barockopern lyrische Arien geschrieben; doch die Art und Weise, wie sich Simone Kermes der Seelenlagen einer Armida, Cleopatra, Melissa, Berenice, Medea, Antigona oder Adelaide bemächtigt, ist von bestürzender Intensität.

Gratwanderung einer Sängerin

Gewiss auch deshalb, da die aus Leipzig stammende Sopranistin so authentisch verkörpert, was sie in einem Interview mit einer deutschen Wochenzeitung jüngst bekannt hat: Ihr gehe es bei der Musik „um Tiefe und Echtheit“. Dabei räumte sie durchaus auch Angst ein, im Verlauf eines Konzerts von eigenen Gefühlen überwältigt zu werden. Auf dieser Gratwanderung konnte das gefesselte Publikum in Schwetzingen die zartbesaitete Sängerin denn auch hautnah erleben.

Schmerz, Trauer und Sehnsucht finden in Simone Kermes’ wandlungsreicher, von einer gelegentlich metallischen Mittellage bis zum geflüsterten Falsett reichenden Stimme einen subtilen und vielseitigen Ausdruck, der die fraglos routinierte Bühnendarstellerin zugleich von künstlicher Theatralik freispricht. Zumal die Sopranistin in den kämpferischen Arien nicht nur stimmlich an Dynamik und Volumen gewinnt, sondern auch tänzerisches Temperament zeigt. Von akrobatischen Einlagen wie den zahlreichen virtuosen Koloraturpartien ganz zu schweigen.

Das Concerto Köln begleitet die vokalen Berg- und Talfahrten mit geschliffenen Tempi, schnalzenden Rhythmen und einem für das Rokoko-Theater üblichen trocken-spröden Streicherklang. Laute und Cembalo, aber auch Oboen, Flöte und Fagott setzen sich auch solistisch in Szene. Und selbst die Arie „Lascia chi’io pianga“ der Almirena aus Händels „Rinaldo“, die Simone Kermes zugibt, wirkt in ihrer expressiven Filigranität nicht im mindesten rührselig.