Kultur

Videomitschnitt Private Aufnahmen eines Kleinkinds bieten im Hintergrund auch stadtgeschichtlich interessante Bilder

Erste Gehversuche im Herzogenriedbad

Archivartikel

Er ist „ein schönes Beispiel dafür, dass sich auf privaten Aufnahmen auch Bilder von historischem Wert als Beiwerk befinden können“, wie Désirée Spuhler von Marchivum betont: Das hat nun nämlich einen Film aus den 1970er Jahren vom Herzogenriedbad als Leihgabe zur Digitalisierung für die Filmschätze des Mannheimer Archivs zur Verfügung gestellt bekommen.

Wie süß! Das denkt man sofort, wenn man diese Bilder sieht. Eine Frau im Badeanzug mit einem Kleinkind, das eine dicke Windelhose trägt. Es zerfleddert mit sichtlichem Vergnügen eine Zeitung. Es spielt noch etwas unbeholfen, aber sehr neugierig mit einem Ball. Es krabbelt, es purzelt auf der Wiese herum, steht vorsichtig auf, fällt lachend wieder hin, greift nach einer Flasche, ertastet sie, spielt mit ihr. Es sind die ersten Gehversuche eines Kinds, vom stolzen Vater mit der Kamera festgehalten. Aber nicht nur das. „Auch wenn im Fokus der Kamera eindeutig das Kleinkind ist, sind diese Aufnahmen nicht uninteressant“, ermuntert Désirée Spuhler andere Mannheimer, ebenso nach solchen Filmen zu suchen.

Schließlich könne man dadurch „im Hintergrund erahnen, wie das Freibad damals aussah“ – und davon wie von vielen anderen Mannheimer Institutionen gibt es eben wenig oder gar keine bewegten Bilder aus den vergangenen Jahrzehnten, bedauert das Marchivum. „Daher hoffen wir nach wie vor auf mehr solcher Filmspulen“, betont Spuhler.

Denn man sieht noch einen alten Gaskessel im Hintergrund, ferner Wohnblocks, die 1965 erbaute und 2004 für einen Neubau abgerissene Sporthalle am Herzogenried (vormals Carl-Diem-Halle genannt) sowie den Sprungturm des Bads, die weiten, große Liegewiesen und die seinerzeitigen Umkleidegebäude.

Über Generationen hinweg haben die Mannheimer sich im Sommer nur in den Flüssen, besonders aber am Strandbad und in den Flussbädern am Stephanienufer erfrischen können. Schon Ende der 1920er Jahre überlegte aber die Stadtverwaltung, ein Freibad zu schaffen. Als Standort war das Gelände neben der städtischen Sportanlage im Unteren Luisenpark vorgesehen. Die 1931 vorgestellten Pläne sahen ein Familienbadebecken, ein Planschbecken für Kleinkinder, ein Sprungbecken mit einem Zehn-Meter-Turm sowie ein eigenes Becken für Schwimm-Wettkämpfe mit Tribüne vor, ferner hohe Häuser für Verwaltung und sogar an Ärzte war gedacht. Oberbürgermeister Hermann Heimerich nannte das allerdings „Zukunftsmusik“ und fürchtete, es werde 20 Jahre dauern, bis man das realisieren könne.

Amerikaner helfen beim Bau

Es dauerte dann aber noch länger – durch den Zweiten Weltkrieg. Doch schon 1947, viele Teile der Stadt liegen noch in Trümmern, regt der Badische Sportverband einen Schwimmbad-Bau an. Da ist auch erstmals von einem Standort am Herzogenriedpark die Rede. Die Bauarbeiten beginnen aber erst 1955, wobei amerikanische Pioniereinheiten beim Aushub für die Becken helfen.

Am 20. Mai 1956 wird das neue Bad eröffnet. 50 Pfennig kostet der Eintritt für Erwachsene, Kinder zahlen die Hälfte. Von den alten, monumentalen Plänen von 1931 ist indes nichts übrig geblieben. Die Umkleiden errichtet man bewusst nicht auffallend-repräsentativ, sondern als schlichte, flache Pavillons. Einen Blickfang stellt dagegen bis heute der Sprungturm dar – „ein stolzes Wahrzeichen, Sinnbild und Ausdruck des Sportlichen“, so Willi Beirer, Leiter des Städtischen Hochbauamtes, im Eröffnungsjahr.

Ob 1969 der Einbau der Wasserheizung, 1977 die erste Rutschbahn oder zehn Jahre darauf die große Rutsche mit Wasserpilz – mehrfach hat das Herzogenriedbad seither sein Gesicht geändert. Auch wenn in den 1960er Jahren noch drei Vorort-Freibäder hinzukamen, ist es nach wie vor das am meisten frequentierte Bad Mannheims.

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