Kultur

Auftaktkonzert Umjubelter Antritt von Dirigent Case in der Heilbronner Harmonie

Es gab rauschenden Beifall

Archivartikel

Kulturpolitik ist Außenpolitik – und die verlangt Wandlungsfähigkeit auf hohem Niveau. Genau das, nämlich die Kunst des musikalischen Dialogs auf Augenhöhe, geprägt von enormer Wandlungsfähigkeit, macht das Württembergische Kammerorchester (WKO) so erfolgreich. Nachdem der Stuttgarter Dirigent Jörg Faerber von 1960 bis 2002 die Basis für das internationale Renommee gelegt hatte, baute sein Nachfolger, der Armenier Ruben Gazarian, quasi osterweiternd, den exquisiten Ruf des Orchesters aus.

Als neuer Chefdirigent eröffnete der Amerikaner Case Scaglione nun die neue Spielzeit mit dem ersten Heilbronner Konzert in der fast ausverkauften Harmonie.

Motto „Verwandlung“

Die Saison 2018/2019 steht unter dem Motto „Verwandlung“. Was würde zum Aufbruch thematisch besser passen, als eine Komposition wie Karl Ditters von Dittersdorfs Sinfonia Nr. 1 „Die vier Weltalter der Antike“, die sich auf Ovids „Metamorphosen“ (Verwandlungen) bezieht? Das Werk des Barockmeisters und die Sinfonie Nr.2 op. 61 des Romantikers Robert Schumann als Ausklang bilden den Rahmen für Camille Saint-Saëns‘ Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1 a-Moll op. 33. Interpret ist der Deutsch-Kanadier Johannes Moser.

Der Star-Cellist ohne Allüren beseelt das rhapsodische Werk des Franzosen. Eigentlich dreisätzig, aber aus einem Guss, ist es innerhalb der Cello-Literatur Mosers Lieblingsstück. Der 1979 in München geborene Cellist führte es bereits mit 17 Jahren auf. Seither sein Wegbegleiter, schätzt er Saint-Saëns als einen „Meister der klingenden Form“. Für dieses Stück hat er nicht beziffert, wie viele Streicher besetzt werden sollen. Die kleinere Besetzung des Württembergischen Kammerorchesters empfindet Moser als großen Vorteil, da sie klanglich mehr Transparenz biete und flexibler sei: „Ich kann das Ganze sehr sportlich angehen und mir das eine oder andere Rubato erlauben“, so Moser.

Sportlich heißt Gestaltungsvielfalt durch Präsenz und Köpereinsatz. Der Solist umschlingt das Instrument, ein Guarneri von 1694. Er wiegt rhythmisch hin und her, lauscht hinein, blickt hinaus zu Diri–gent und Musikern. Locker aus dem Handgelenk das Vibrato. Druck- und schwungvolle Bogenführung, ein leidenschaftlicher Tanz im Sitzen, wobei das zweimal operierte Cello – es wurde erst verkleinert, dann vergrößert – selbst auf zarteste Regungen sensibel reagiert.

Das Spiel des charismatischen Solisten befeuert und beflügelt gleichermaßen Orchester wie Zuschauer. Rauschender Beifall. Moser und WKO bedanken sich mit John Williams „Elegy“, eine Miniatur voll subtiler Streicherstimmungen samt innigem Harfensolo. Klar, leichtfüßig, flexibel in den Streichern sowie mit schönen Flöten- und Oboen-Kantilenen, ist es ein Gewinn, dass der selten gespielte österreichische Komponist Dittersdorf den Weg ins Repertoire des Orchesters findet.

Besonders gelungen ist die Deutsche Aufstellung, in der die Celli in der Mitte, erste und zweite Violinen einander gegenübersitzen, wobei man, verstärkt durch Naturhörner und Naturtrompeten, dem Originalklang näher kommt. Auch Schumann hat seine Sinfonien für diese, damals übliche Aufstellung komponiert. Das gesangliche Wechselspiel zwischen 1. und 2. Violinen erlebt man quasi stereophon.

Hoch konzentriert

Zugleich hoch konzentriert und doch entspannt ist das Dirigat von Case Scaglione. Die Musik beginnt zu atmen und kann sich organisch entwickeln. Großartige Oboensoli, immer rund und melodisch die übrigen Holzbläser (Flöten, Klarinetten, Fagotte), satte Klanglichkeit der Naturhörner und -trompeten, sie begeistern ebenso wie virtuose Streicher-Passagen. Für Schubert war diese teils disparate, teils ruppige Komposition Therapie in der Krise.

Heute raubt sie dem Hörer den Atem. Fantastisch, wie die Musik in der Mitte des Finalsatzes zum Stillstand kommt, um dann wieder zurück ins Leben zu pulsieren. Ein toller Einstand, der Lust macht auf mehr!