Kultur

Das Interview Die US-amerikanische Musikerin Sheryl Crow über ihr angeblich letztes Album „Threads“, die Jugend und Feminismus

„Es geht um Mitmenschlichkeit“

Archivartikel

Ihre ewig frischen, 25 Jahre alten Gitarrenpoprockhits wie „All I Wanna Do“ oder „If It Makes You Happy“ kennt fast jeder, nun läutet Sheryl Crow den Rückzug ein. Ihr elftes Album „Threads“ („Fäden“) soll ihr letztes sein. Und Sheryl Crow haut wirklich noch mal alles raus. Zu den Gästen auf „Threads“ zählen Bonnie Raitt, Eric Clapton, Keith Richards, Stevie Nicks, Chuck D, James Taylor, Willie Nelson, ein posthumer Johnny Cash (im Duett „Redemption Day“), aber auch junge Künstlerinnen wie Country-Prinzessin Maren Morris oder Indie-Star St. Vincent, die mit Sheryl Crow in „Wouldn’t Want To Be Like You“ ein cooles, fast nach Hip-Hop klingendes Anti-Donald-Trump-Statement loslässt.

Sheryl, Du wirst nicht müde zu betonen, dass „Threads“ Dein letztes Studioalbum ist. Warum willst du aufhören?

Sheryl Crow: Für mich schließt sich mit dieser Platte der Kreis. Ich habe 17 Songs aufgenommen, es sind Duette mit vielen meiner größten Idole wie Eric Clapton, Keith Richards und Stevie Nicks. Besser wird es nicht mehr. Als künstlerisches Statement kann ich dieses Werk nicht mehr übertreffen. So viele Momente auf „Threads“ bringen mich an den Ort zurück, an dem ich jung war und davon träumte, das zu tun, was ich seit mehr als 25 Jahren tue. Ich bin stolz und dankbar angesichts meiner Karriere. Und ich werde nicht komplett aufhören, Musik zu machen.

Wie entstand die Idee zu dem Duette-Album?

Crow: Ich wäre wohl nie auf den Gedanken gekommen, hätte ich mich nicht vor einigen Jahren mit Kris Kristofferson zu gemeinsamen Aufnahmen getroffen, aus denen der Song „Border Lord“ entstand, der auch auf dem Album ist. Kris ist über 80, ich merkte, dass er gesundheitlich zu kämpfen hatte. Da dachte ich, dass ich so gern noch mal mit meinen Helden zusammen singen wollte. Wir alle haben nicht mehr ewig Zeit. Also nahm ich mich der Sache an und startete ein paar Rundrufe.

Hast du alle Künstler ins Heimstudio nach Nashville eingeladen?

Crow: Wir haben einiges bei mir aufgenommen. Ich bin aber auch viel gereist, und es gab fruchtbare Kollaborationen übers Internet. Von der Idee bis zur Vollendung hat das Album dreieinhalb Jahre gebraucht.

„Internet“ ist ein Stichwort. Wird es in zehn Jahren überhaupt noch Musikalben geben?

Crow: Ich weiß es wirklich nicht. Realistisch betrachtet ist es so, dass sich nur noch eine Minderheit von Menschen wirklich hinsetzt und ein komplettes Album hört. Auf der anderen Seite: Die Kids finden es wieder cool, Vinylalben zu kaufen und zu sammeln, das stimmt mich vorsichtig zuversichtlich. Es wäre schade, wenn diese Kunstform verschwindet. Zu vielen der Alben, die ich als Teenager kaufte, habe ich bis heute eine sehr enge Verbindung.

Deine Söhne Wyatt und Levi sind 12 und neun Jahre alt. Was haben die so für Interessen?

Crow: Mein Älterer spielt Gitarre und ist entschlossen, Musiker zu werden. Der Jüngere will Eishockeyspieler werden. Gerade sind sie eine Woche lang im Sommercamp, das ist die längste Zeit, die ich je von ihnen getrennt bin. Ich muss gestehen, ich bin ein bisschen nervös. Mal schauen, mit welchen neuen Hobbys sie zurückkommen.

Du bist 57 Jahre alt. Was wird mit dem Alter besser?

Crow: Der Druck lässt nach. Ich fühle mich heute viel freier und gelöster als in den Neunzigern. Ich bin inzwischen weit davon entfernt, mit den jungen Popstars konkurrieren zu wollen. Ich bin entspannt und genieße es, auf der Bühne und im Studio Musik mit meinen Freunden zu machen.

Du warst Lehrerin, bevor 1993 das Debütalbum „Tuesday Night Music Club“ erfolgreich wurde. Was möchtest Du jungen Menschen mit auf den Weg geben?

Crow: Haltet euch fern von Social Media. Diese Angebote verursachen und verstärken Ängste, Unsicherheiten und Depressionen, speziell bei Jugendlichen. Unterhaltet euch lieber und geht nach draußen.

Du hast kürzlich beim Glastonbury-Festival den Song „Soak Up The Sun“ der jungen Klima-Aktivistin Greta Thunberg gewidmet . . .

Crow: Ja, ich bewundere sie. Greta ist ein großartiges Beispiel für meine Jungs und überhaupt für alle. Sie ist der Beweis, dass es etwas bringt, wenn man aufsteht, mutig ist und sich nicht einfach fügt.

Du hast Donald Trump immer schon sehr kritisch gesehen. Wie beurteilst du die ersten zweieinhalb Jahre seiner Präsidentschaft?

Crow: Es ist schlimmer als befürchtet. Er hat nichts für Menschen getan, er hat die ganze Zeit gelogen und alle getäuscht. Ich bin gespannt, was passiert, wenn seine Anhänger aufwachen und merken, dass er nichts von dem eingelöst hat, was er ihnen vollmundig versprach.

Dein neuer Song „Prove You Wrong“ ist nicht nur ein Duett mit Stevie Nicks und Maren Morris, sondern auch eine Starke-Frauen-Hymne. Wie steht es um den Feminismus im Jahr 2019?

Crow: Es geht voran. Ich liebe die amerikanischen Fußballfrauen dafür, wie hartnäckig sie für gleiche Bezahlung kämpfen. Niemand darf aufgrund seines Geschlechts benachteiligt werden. Und #MeToo ist ein echter Meilenstein. Es ist überfällig, dass niemand mehr damit durchkommt, jemand anderen sexuell zu bedrängen oder herabzuwürdigen. Ganz egal, ob diese Machtspielchen oder Übergriffe am Arbeitsplatz, wo auch ich es erlebt habe, oder wo auch immer stattfinden. Hier geht es nicht nur um Sexismus, sondern viel weiter gefasst um Empathie und Mitmenschlichkeit.

Das Interview wurde telefonisch geführt. Die Musikerin verzichtete auf eine Autorisierung.

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