Kultur

Diskriminierung Schriftsteller Salim Güler darüber, wie ihm Rassismus in seinem Beruf begegnet und warum er ihn in Büchern thematisiert

Es gibt keine Rassen

Archivartikel

Durch meinen Beruf als Schriftsteller habe ich das Glück, dass ich auf der ganzen Welt arbeiten kann. Ich habe alle fünf Kontinente bereist, unterschiedliche Kulturen kennen und schätzen gelernt. Wenn mich im Ausland Menschen fragen, welche Nationalität ich habe, dann antworte ich immer, dass ich Deutscher und in Norddeutschland aufgewachsen sei. Die norddeutsche Mentalität hat mich stark geprägt. Selten kamen dazu kritische Fragen. Die Menschen überall auf der Welt akzeptieren und respektieren das. Für sie bin ich Deutscher. Nur in Deutschland ist das nicht so. Und in letzter Zeit, vor allem seit dem tragischen Tod von George Floyd, frage ich mich immer mehr, warum?

Am 25. Mai wurde George Floyd bei einer gewaltsamen Festnahme durch Polizisten getötet. Dieser Fall löste weltweit Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus aus. In den USA kam es zu Unruhen, Plünderungen, aber auch zu friedlichen Protesten. Der Hashtag #blacklivesmatter machte in sozialen Medien die Runde. Auch in Europa und in Deutschland gab und gibt es Proteste gegen Rassismus.

Erste Erfahrung mit 14

Es gibt kritische Stimmen, die sagen: Was hat Deutschland mit Polizeigewalt in den USA zu tun? Aber hier geht es um mehr, hier geht es um Rassismus. Und Rassismus ist nicht nur ein Problem der Afroamerikaner in den Vereinigten Staaten, sondern ein weltweites. Auch in Deutschland. Seit der Flüchtlingskrise und dem Erstarken der AfD ist Rassismus präsenter in der Gesellschaft. Die Hemmschwelle der Menschen ist gesunken.

Meine ersten Erlebnisse mit Rassismus habe ich im Alter von 14 oder 15 gemacht. Ich war ein kleiner schmächtiger Junge, und da gab es diesen Skinhead, knapp zwei Meter groß und kräftig, der mich verprügeln wollte, mir sagte, dass er mit mir „Randsteinbeißen“ spielen wolle. Glücklicherweise wurde ich von ihm nicht krankenhausreif geschlagen. Aber bis heute frage ich mich, warum dieser Hüne einem Kind wie mir damals so eine Angst einjagen musste? Was habe ich ihm getan, dass er mich so gehasst hat?

Diese Erfahrungen habe ich als Deutscher mit türkischen Wurzeln immer wieder gemacht, dabei halte ich mich für jemanden, der sich hervorragend integriert hat. Dennoch muss ich mich immer wieder mit Vorurteilen auseinandersetzen, einzig und allein wegen meiner Herkunft. Die Türken sind die Afroamerikaner in Deutschland.

Ich verarbeite meine rassistischen Erlebnisse in meinen Büchern. Es ist kein Zufall, dass die Hauptpersonen in meinen Büchern Minderheiten sind, sei es Emre Aydin, der Beamte aus den Köln Krimis, mit seinen türkischen Wurzeln; Joe, der schwarze Deutsch-Amerikaner aus den Walsh Thrillern; Nele Blum, die homosexuelle Beamtin aus den Mannheim Krimis, oder Tolga und Marc, zwei wunderbare Menschen, die Trisomie 21 haben. All diese Personen sind meine Helden, weil sie zeigen, dass Deutschland vielfältig und nicht engstirnig ist.

Mir ist natürlich bewusst, dass ich damit als Autor auch anecke. Für einen Schriftsteller wäre es die einfachste und wirtschaftlich vernünftigste Lösung, wenn er Politik aus seinen Krimis und Thrillern raushält. Ich bekomme immer wieder E-Mails und Nachrichten, wo mir Leser Vorwürfe machen, warum meine Krimis politisch seien. Einmal schrieb mir eine Leserin, dass sie Joe ja möge, weil er so lustig und klug sei, sie aber nicht verstehen könne, warum ich ihn ausgerechnet schwarz gemacht hätte. Ein anderer Leser beschwerte sich, dass er es unerträglich finde, dass ich eine lesbische Polizistin in meinen Büchern so positiv darstellen würde und dass dies ein schlechtes Vorbild für unsere Jugend sei. Inzwischen antworte ich solchen Personen nicht mehr, aber genau diese Nachrichten sind der Grund, warum ich diese Figuren erschaffen habe.

Einmal schrieb mir ein Leser, dass ich für einen Kanaken sehr spannende Bücher schreiben würde. Was soll man da antworten? Meine Antwort ist, dass ich weiterhin das Thema Rassismus in meinen Büchern thematisieren werde, in der Hoffnung bei meinen Lesern einen Denkprozess anzustoßen.

Die überwältigende Mehrheit der Leser ist davon begeistert, dass ich politisch schreibe, mich für Minderheiten einsetze. Vor einiger Zeit schrieb mir eine Leserin, dass ich mehr für die Integration tun würde als unsere Politiker. Das motiviert mich, weiter zu machen und mich von den wenigen Idioten nicht einschüchtern zu lassen. Nur wenn wir immer wieder auf das Problem von Rassismus aufmerksam machen, können wir auch eine Veränderung herbeiführen.

Verständnis durch Diskurs

Ich hoffe, dass der tragische Tod von Georg Floyd eine Bewegung in Gang gesetzt hat, die endlich eine lange und kritische Diskussion, was alles Rassismus ist, ermöglicht. Oft findet Rassismus im Alltag statt, ohne, dass sich Menschen dessen bewusst sind. Wenn einem Rassismus begegnet, gerade im Freundes- und Bekanntenkreis, muss man das ansprechen. Darüber zu sprechen und zu diskutieren, kann Menschen sensibilisieren und dazu führen, dass wir verstehen, dass es keine Rassen gibt, sondern nur Menschen.

Daher unterstützte und befürworte ich auch den Vorstoß der FDP und Grünen, dass in Artikel 3 des Grundgesetzes das Wort Rasse durch ein anderes Wort ersetzt wird. Es mag vielleicht zu Beginn nur einen symbolischen Wert haben, aber es unterstreicht eindeutig, dass ein Wandel begonnen hat, den auch die Politik umsetzt. Und jeder Wandel ist auch eine Hoffnung, dass sich langfristig doch etwas zum Guten verändern kann. Ich bin ein Mensch, der immer an die Hoffnung geglaubt hat. Das Glas ist immer halb voll.

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