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Supermarktkassen sind faszinierend. Die Menschen dahinter auch. Aber besonders faszinierend scheint die Ware zu sein, die die hier Schreibende einkauft. Für die Verkäufer. So scannen die nämlich auffällig langsam, sobald die Essensfavoriten auf dem Band liegen. Man merkt förmlich, wie sie versuchen, im Scanvorgang zu lesen: Sie drehen vermeintlich unauffällig den Kopf mit und ihre Augen folgen, bis die Hand das Produkt wieder in den Korb entlässt. „Ist das mit Himbeere?“, platzt die Frage aus einem Verkäufer heraus. Gefolgt von: „Kenn ich noch gar nicht.“ Mit einem Lächeln und ein bisschen sehnsüchtig folgt die Frage: „Wo steht denn das?“ Die wird natürlich gern beantwortet, obwohl man sich fragt, ob man selbst hier arbeitet oder der gegenüber. Was dieser gleich in der Mittagspause zu sich nimmt, weiß man jetzt auf jeden Fall. Es folgt in den nächsten Wochen in verschiedensten Läden auf „Hört sich lecker an“, ein „Hab ich noch nie gesehen“ und „Ist es für den Backofen?“ Währenddessen wird die Kassenschlange hinter einem natürlich immer länger: Dabei ziehen sich unter der Alltagsaggression von Mitmenschen Supermarktwägen aus Metall und Gesäße magisch an, die Problematik ist bekannt. „Coole Frucht, noch nie gesehen“, tönt es weiter. Letztens kam es im Non-Food-Bereich sogar zu einer Art Geständnis. Wie ein Eierkarton wurde die Lidschattenpalette geöffnet und bewundert. „Das könnte Ihnen stehen,“ sagte die Kassiererin. „Wissen Sie, die Leute denken immer, ich guck’ wegen Diebstahl. Aber ich bin nur neugierig. Wo steht denn die Palette im Regal?“ Lea Seethaler

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