Kultur

Kunst Retrospektive zum Werk Ragnar Kjartanssons in Stuttgart

Fast immer mit Ironie

Archivartikel

Wie schreibt man als Isländer, zu dessen Schulfächern Deutsch zählte, das wohl bekannteste deutsche Schimpfwort? In Ermangelung des scharfen S auf isländischen Tastaturen vielleicht so: Scheize. In Großbuchstaben ziert der Begriff in dieser Variante den Glaskubus des Kunstmuseums Stuttgart. „Scheize – Liebe – Sehnsucht“: Der Titel der umfangreichen Retrospektive zum Werk von Ragnar Kjartansson versammelt seine deutschen Lieblingswörter. Die stecken zugleich so etwas wie ein Spannungsfeld der Condition humaine ab. Das Schöne kontrastiert darin mit dem Traurigen und Grotesken –oder auch der animalischen Seite menschlicher Existenz.

Es wiederholt sich alles

Gleich zu Beginn, in der Videoserie „Me and My Mother“, gibt es eine Spuck-Orgie. Seit 20 Jahren, seit er in Reykjavik Kunst studierte, lässt sich Kjartansson im fünfjährigen Turnus in stoischem Gleichmut von seiner Mutter konzeptuell bespucken; wobei die vier am Beginn platzierten Screens zugleich den Alterungsprozess der Darsteller sichtbar werden lassen. Schon hier legt Kjartansson das Instrumentenbesteck seiner Kunst auf den Tisch: Schauspielerpose und Persiflage, Wiederholung und (Selbst-)Ironie. Begleitet von einem Jazzorchester singt er in „God“ (2007) im Smoking in Dauerschleife die Zeile „Sorrow conquers happiness“ (Leid erobert Glück). In „A Lot of Sorrow“ (Viel Leid) lässt er eine US-Rockband bis zur Erschöpfung einen Song über Kummer spielen.

Kann das ernst gemeint sein – oder ist es Klamauk und Attitüde? In jedem Fall ist es: Weltschmerz mit Narrenmütze. Als Poesie mit rieselndem Kunstschnee zitiert die Dauerperformance „Tod einer Dame“ ein Klischee der abendländischen Kultur: die Frau als Opfer. Das Unglück ist bereits geschehen, die Dame im weißen Kleid unterm offenen Mantel liegt mit Bauchschuss am Boden. Doch liegt über der Szene auch ein Schimmer des Märchenhaften. Zwischendurch erleben wir einen malenden oder zeichnenden Kjartansson – experimentell, konzeptuell und fast nie ohne Augenzwinkern.

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