Kultur

Nachruf Der große Sänger, Schauspieler, Fotograf und Zeichner Franz Mazura ist tot – er starb im Alter von 95 Jahren nach kurzer Krankheit in einem Mannheimer Krankenhaus

Faust-Preisträger mit Universalbegabung

Archivartikel

Mannheim.Mit Franz Mazura verliert die Welt und die Region nicht nur einen großen Künstler, sondern auch einen bemerkenswerten Menschen. Der Weltstar und Titan, der von 1964 bis zu seinem Tod im Alter von 95 Jahren in Edingen-Neckarhausen lebte, starb am 23. Januar 2020 umgeben von seinen Kindern in einem Mannheimer Krankenhaus. Eine Verneigung.

Wer ihn kannte, wer ihn erlebt und geliebt hat, wer gesehen hat, wie kräftig, lebenshungrig und mitten im Leben stehend er noch als über 90-Jähriger war, der dachte: Dieser Mann wird nie vergehen, dieser Mann wird ewig leben. Aber der Tod hat auch vor Franz Mazura nicht halt gemacht. Das Nationaltheaterurgestein aus Edingen-Neckarhausen starb am Donnerstagnachmittag im Alter von 95 Jahren in Mannheim, wie seine Tochter Susanna Mazura-Grohmann am Freitagmorgen gegenüber dieser Zeitung bestätigte. Er sei an Herzschwäche gestorben.

Mazura gehörte voll und ganz in die Riege eines Ernst Jünger oder Johannes „Jopi“ Heesters. Wie sie war auch er ein Urgestein des deutschen Kulturlebens. Wie sie, so hat auch Mazura in seinem Bereich mehr als eine Epoche mitgeprägt. Dass der legendäre „Faust“-Preisträger und Bayreuthsänger „im Volk“ nie so bekannt wurde wie die beiden, liegt nicht nur am ernsteren Fach, der Oper, die für ihn nicht alles, aber sehr vieles bedeutete. Es lag auch in seinem Naturell begründet: Mazura war alles andere als ein mondäner Typ, der Glamour und Glitter liebte.

Auf der Weltbühne zuhause

Obwohl er weltläufig war und bis ins hohe Alter an den wichtigen Bühnen gastierte, von der New Yorker Met bis an die Mailänder Scala, obwohl er quasi alle wichtigen Menschen im Theaterbetrieb bestens kannte, war er ein Weltstar mit Bodenhaftung. Vielmehr lebte, arbeitete und wirkte er in seinem Haus in Edingen-Neckarhausen eher im Stillen, Bescheidenen und machte nicht viel Aufhebens um seine Person. Als wir ihn zuletzt – im Rahmen unseres Weihnachtsrätsels mit den beiden Gewinnern – zum Essen einluden und fragten, was er bevorzuge, sagte er: „Ach, ganz einfach, wissen Sie: Ich könnte mein ganzes Leben lang nur Linsensuppe essen.“

Dass aus ihm ein universaler Künstler wurde, der nicht seine Zeit hatte, sondern die Zeit ihn – Mazura führte es darauf zurück, dass sich bei ihm alles kontinuierlich aufgebaut hatte. Sein Glück, so sagte er in einem Interview mit dieser Zeitung, sei gewesen, „dass der Anfang klein war und alles immer größer wurde. Kontinuierlich und langsam“. Dazu hätten junge Sänger heute leider keine Zeit mehr: „Ich habe es schon gesagt: Wir hatten nichts außer Hoffnung. Heute haben wir alles, aber keine Hoffnung. Und dann ist da noch etwas: Ich war ein Mensch, der in jeder Situation, ob ich wenig hatte oder viel, immer zufrieden damit war.“

Zufriedenheit als Erfolgsrezept

Mazura, der Glückliche. Tatsächlich traf man ihn auch im Nationaltheater Mannheim bei Opernpremieren stets gut gelaunt an – und das, obwohl er mit vielem dort längst nicht mehr einverstanden war: „Wie oft passiert es, dass Sie im Saal sitzen, zusehen, wie sich ein junger Regisseur aktualisierend an einem Stoff abarbeitet und Sie sich denken: Ach Kinder, nicht schon wieder! Achtet mir die Meister und macht nicht so einen Quatsch?“

Mazuras Zufriedenheit darf auch in seiner Geschichte gesucht werden. Der Sänger verbrachte nur die ersten sechs Jahre bei seinen Eltern. Danach lebte er bei den Großeltern. Mit 15, 16 war er schon ganz auf sich allein gestellt, geriet in Belgien in Gefangenschaft, kam dann nach Deutschland, ohne hier einen Verwandten zu haben. Was hat der 1924 in Salzburg Geborene getan? Er hat gearbeitet.

Und wenn Mazura dann von sich sprach, von seinen Anfängen als Maler „bei den Amerikanern“ und denen als Schauspieler am Landestheater Detmold, seiner Sängerkarriere, die ihn über Kassel, Mainz und Braunschweig zuerst nach Mannheim und dann in die weite Welt brachte, so tat er das immer noch mit einem kernigen Bassbariton, dessen Brillanz in leichtem Österreichisch irisierte.

Der Mann war bescheiden. Mazura kannte Demut, er wusste, dass vieles Arbeit ist, etwa die an der Textdeutlichkeit, die Sängern, wie er fand, heute oft abgeht. Aber obwohl er in so vielen Genres unterwegs war, schien er nicht an seine multiple Überbegabung zu glauben. Dass aus ihm der große Sängerschauspieler geworden war, der auch malte, las, ausstellte, Lyrik sichtete oder produzierte und im Neckarhäuser Schloss rezitierte, zuletzt noch am 1. Advent in der Lutherkirche zu Neckarhausen – er führte es immer auf die Gunst der Stunde nach dem Krieg zurück: „Wir hatten damals das Glück, in der Stunde null anfangen zu können, als Deutschland und seine Kultur in Schutt und Asche lagen.“

Bekannt im Hause Wagner

Wer sich mit ihm unterhielt, wurde in spannenden Anekdoten Zeuge des Zeitzeugen. Mazura sprach über Winifred Wagner, Richards Schwiegertochter, die er – selbstredend – kannte und ihre Freundschaft zu Adolf Hitler und über deren Söhne Wolfgang und Wieland. Mazura kannte sie alle. Er arbeitete mit Regisseuren wie Peter Stein, Bohumil Herlischka, Wolfgang Wagner, Harry Kupfer, Otto Schenk oder Patrice Chéreau. Wenn er sang, standen am Pult Karl Böhm, Simon Rattle, Daniel Barenboim, Horst Stein, Hans Wallat, James Levine, Georg Solti oder Pierre Boulez. Er kannte sie alle. Und er hat sie fast alle überlebt.

Dabei wollte er einmal Ingenieur werden. Doch die Entscheidung dagegen sei schnell getroffen gewesen, sagte er einmal: „Zwischen Schauspiel und Singen war sie schwieriger, aber letztlich gab das schnelle Vorankommen bei der – mit 26 Jahren spät begonnenen – Gesangsausbildung den Ausschlag. Und ich sah, dass es toll ist, die Schauspielbegabung mit in die Oper zu übertragen.“

Sein Credo als Künstler lautete: „Zu jeder Probe zu gehen, als ob es die erste wäre, und dort mit jungen Leuten arbeiten. Außerdem habe ich immer versucht, jedes Jahr ein bis zwei neue Stücke zu lernen. Ich freue mich, Neues anzufangen, und höre nie auf zu lernen.“

Nun hat er damit eben doch aufgehört. Stand er im vergangenen Jahr an seinem 95. Geburtstag noch in Wagners „Meistersingern“ auf der Bühne der Berliner Staatsoper, haben ihn im letzten halben Jahr einige gesundheitliche Rückschläge ereilt. Kraft und Wille verließen ihn in den letzen Wochen, nun ist er nach Aussage seiner Familie friedlich eingeschlafen. Der Trost, der uns bleibt? Jetzt können wir von ihm lernen. Von seiner Kunst. Von seinem Leben. Und schließlich davon, das Lernen als Selbstsinn zu sehen. (mit rcl)

Info: Mehr Bilder zu Franz Mazura unter morgenweb.de/kultur

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