Kultur

Comedy Ingo Appelt im Mannheimer Capitol zu Gast

Feigenblätter fallen

Archivartikel

„Sind Nazis hier?“, fragt Ingo Appelt in neugierigem Tonfall. „Man merkt das ja nicht“, stellt der Komiker zur Genese dieses Menschen-Typus fest, „das ist so ein sukzessiver Prozess.“ Und auf einmal denke man, „ach, sch …, ich kann gar nicht mehr links abbiegen!“ Auf Basis solcher Publikums-investigativer Momente („Sind Ossis hier?“, „Ist noch jemand in der SPD?“, „Wer ist Rassist, Hand hoch“) operiert Appelt immer wieder an der der Schwelle zum schlagkräftigen politischen Kabarett – was ihm sehr gut zu Gesicht steht. „Ich hab mich gewandelt, vom Saulus zum Paulus“, sagt der Humorist, der einst als Böser Bube der Comedy-Szene galt; als einer, der mit unverfrorener Chuzpe Gürtellinien verschob und Feigenblätter von Tabuzonen riss.

Es verrät indes kein Geheimnis, wer notiert: Geläutert ist der 51-Jährige in dieser Hinsicht keineswegs, wie vor allem die zweite Hälfte seines „Besser … ist besser!“-Programms belegt, das Appelt vor vollem Haus im Capitol präsentiert. Als selbstgekürter „Martin Rütter der Männerwelt“ geht es ihm darin unter anderem um die „Männerverbesserung“ („Männer und Hunde sind sich ja sehr ähnlich“, merkt er an). Aber das ist nur ein Aspekt seiner hoch getakteten und thematisch breit gestreuten, knapp zweieinhalbstündigen Show.

Es vergeht wie im Flug

Wo die erste Hälfte mit enormem Tempo, zielsicherer Verve und Pointendichte besticht, bleibt die zweite streckenweise zu sehr den hergebrachten Comedy-Formen der Geschlechter-Dissonanzen und Appelt-typischen, unverblümten Sex-Schilderungen verhaftet. Wobei die Politiker- und Prominenten-Parodien des Komikers ungebrochen fabelhaft sind – vor allem sein Til Schweiger als völlig unverständlich nuschelnder „Tatort“-Kommissar ist schlicht hinreißend komisch; dasselbe gilt für Herbert Grönemeyer, den er in der Zugabe am E-Piano auch musikalisch in Erscheinung treten lässt. Die zweieinhalb Show-Stunden auf der Capitol-Bühne vergehen jedenfalls wie im Flug.