Kultur

Das Porträt Christian Holtzhauer ist neuer Schauspielintendant am Nationaltheater und beginnt heute mit dem Premierenmarathon

Feingeistiger Dortmundfan

Archivartikel

Aufregung? Keine Spur. Im Gegenteil. „Ich bin froh, wenn es jetzt endlich losgeht“, sagt Christian Holtzhauer. Und er spricht diesen Satz mit eben jener ihm eigenen Überzeugung und Ruhe, die klarmacht, dass die Dinge sind, wie sie sind: unabänderlich. Heute Abend nämlich, wenn „Die Räuber“ über die große Schillerbühne geistern, dann erst beginnt seine Intendanz am Goetheplatz so richtig. Dann gilt es.

Schillers „Räuber“ – ein besonderes Stück für Mannheim. Holtzhauer weiß es. Und vielleicht ist es auch ein besonderes für ihn, seine Herangehensweise ans Theater, das er öffnen will in alle Richtungen. Schließlich kommt der nächste (moderne) Klassiker erst im Februar 2019: Tennessee Williams’ „Endstation Sehnsucht“. Nicht umsonst verquickt Holtzhauer das „hochkulturelle“ Schillerdrama gleich mit zeitgenössischer Dramatik von Enis Maci und Lukas Bärfuss sowie mit dem partizipativen Stadtensemble aus Bürgern der Region unter dem Titel „Volksfest“. Theater für alle. Klar!

Wir schlendern über den Collini-Steg. Holtzhauer findet das gut, „mal was anderes“, sagt er und schlägt den Weg links durch die Neckarpromenade zwischen den Bausünden der 1970er Jahre ein. Betonwüste. Leere. Ein unwirtlicher Ort. Menschenleer. Hier erzählt Holtzhauer aus seiner Vergangenheit in Ostdeutschland, zum Beispiel vom Rudern, dem einzigen Sport, den er eine Zeit lang so richtig gemacht hat und bei dem er in seiner Jugend in Berlin immer Angst hatte, in die – damals vermutlich arg gifthaltige – Spree zu fallen.

Sucht aktiv Nähe zu Bürgern

Holtzhauer ist ein eher ruhiger Typ, nicht so direkt und kumpelhaft wie es sein Vorgänger, der glühende Fußballfan Burkhard C. Kosminski, war. Etwas reservierter, schüchterner und feingeistiger wirkt er – trotz seiner beachtlichen Körpergröße. Da passt es ja vielleicht, dass er sich für Sport kaum interessiert, das heißt: „Nur für Borussia Dortmund“, wie er sagt, das liege aber daran, dass seine Schwiegereltern und seine Frau aus der BVB-Stadt kommen und auch seine Kinder, 11 und 14, qua Gene zu Borussia-Fans wurden.

Unsere Runde führt uns – passend zu Holtzhauers Sport – auf einem Feldweg am Neckar entlang in Richtung Mannheimer Rudervereinigung Baden. Jogger fliegen vorüber. Radlerinnen rollen. Eine leichte Brise. Den Neckar kennt Holtzhauer aus seiner Zeit in Stuttgart, wo er Dramaturg war. 2005 bis 2013. Danach ging es an die Ilm nach Weimar, wo er als Leiter des Kunstfests, laut Henry Bernhard vom Deutschlandfunk, „viel gewagt“ und „viel gewonnen“ hat. Holtzhauer habe das unter seiner Vorgängerin Nike Wagner „oft abgehobene Kunstfest den Bürgern der Stadt zurückgegeben“, habe es „auf die Straße“ und „in die abgelegenen Viertel“ gebracht und die Kunstinteressierten von außerhalb ebenso angelockt.

Wer Programme lesen und Dramaturgen verstehen kann, sieht, dass das auch sein Ziel fürs NTM-Schauspiel ist. Und Holtzhauer ist einer, der Absprachen einhält, wie er sagt: „Verlässlichkeiten müssen sein.“

Den Weg zum Volk, zu den Bürgern Mannheims, die er „offen, direkt und unkompliziert“ erlebt hat – er hat ihn längst aufgenommen. Hausbesuche macht er. Wer auch immer will, bekommt einen Besuch vom Intendanten höchstpersönlich. Holtzhauer kommt. Holtzhauer erklärt – erklärt, was ihm Theater bedeutet, vor allem aber auch, was er mit ihm erreichen will.

Ort der Begegnung in der Krise

Und das geht so: „Wir müssen Erlebnisse schaffen, um gegen die riesige Konkurrenz existieren zu können.“ Ergo: Zum einen wird die Gesellschaft immer komplexer, die Altersstruktur, die kulturelle und soziale Zusammensetzung ändern sich. Und dann sind da die Versuchungen: die digitalen Welten, die schiere Omnipräsenz von allem Ästhetischen und die gesamte Unterhaltungsindustrie. Rock. Pop. Film. Sport. Und Spiel.

Wir müssen ein Ort der Begegnung sein, sagt er, als wir unter dem rauschenden Feierabendverkehr auf der Friedrich-Ebert-Brücke durchgehen. Die klassischen Orte der Begegnung und Diskussion, so sagt er, haben es schwer heute. Die Kirche. Das Parlament. Das Theater. „Dem müssen wir entgegentreten“, meint er, also ganz im Sinne von Philosoph Walter Benjamin das schaffen, was reproduzierbare Werke nicht erreichen: Ereignischarakter.

Irgendwann sind wir auf dem Parkplatz am Fuße des Colliniturms angekommen. Schatten. Die Premieren sind jetzt noch näher gerückt. Wie, glaubt er, werden sie vom Publikum aufgenommen? Er wirkt entspannt. Sehr entspannt. Aufregung? Keine Spur. Den Mann bringt so schnell nichts aus der Ruhe.