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Festival-Höhepunkt mit Enno Bunger in Mannheims Alter Feuerwache

Archivartikel

Mannheim.Der Regen am Nachmittag hatte Folgen: Enno Bungers Konzert, programmatisch der Höhepunkt des stilvoll kuratierten Sommer-Festivals "Sitzt, wackelt und hat Luft" der Alten Feuerwache, wurde vorsichtshalber in die Halle verlegt. Auch da waren alle Plätze besetzt, auch im Biergarten vor dem Mannheimer Kulturzentrum sammelten sich viele Zuhörer. Kein Wunder: Seit dem Maifeld Derby 2013 hat sich das Nordlicht in der Quadratestadt qua Qualität viel Reputation erspielt. Und seine klugen Texte sprechen nicht der Generation Nachhaltigkeit aus Herz und Seele.

Dafür ist schon der erste Song "Kalifornien" das beste Beispiel: “ Und wir suchen nur das Weite / Plötzlich finden wir uns selbst / Hinter uns liegt die Wüste / Und vor uns die ganze Welt / Unsere Herzen klopfen ewig

Endlich lassen wir sie rein / Wir wollen nichts mehr werden / Wir wollen nur noch sein.”

Was nicht heißt, dieser atypische Deutschpop-Songwriter, eigentlich bietet sich das gute, alte Etikett Liedermacher eher an,  wäre unambitioniert. Oder würde nur bitter ernste Texte schreiben. Die ersten Songs mögen ausgesprochen melancholisch sein. Bungers Ansagen sind witzig, nicht ganz so wie der andere große Ostfriese Otto Waalkes. "Kein Geld, aber viel Applaus. Mir geht’s ungefähr wie einer Pflegekraft”, scherzt der Sänger locker in den beeindruckten Beifall nach "Kalifornien". Und gibt zu: “Okay, die Witze sind ausbaufähig.”

Dann plaudert er über seine langjährige Verbindung zu Mannheim: Er habe hier noch viel zu gewinnen, weil er schon viel verloren habe. Zum Beispiel wollte er 2006 nach dem Abitur dringend an der Popakademie studieren - aber mit seiner damaligen Demo-CD hätte er sich selbst auch nicht genommen. Geschadet hat es ihm nicht, auch wenn es ironisch gemeinst ist, wenn er den Abend verschmitzt lächelnd unter das Motto “Best of Greatest Hits. Seine gröbsten Erfolge”. Tatsächlich folgt schon als zweite Nummer sein bekanntestes Lied “Regen”. Und der ist wie sein Gesamtwerk alles andere als grob, sondern tief- und feinsinnig mit großem Hang zur Melancholie. Eine extrem positiver Ausreißer im Meer der pseudo-sensitiven Deutschpop-Inflation, vermutlich leider zu intensiv für das Massenpublikum.

Die Trauerballade ”Konfetti” berührt jedenfalls nachhaltig, erstaunlich, wie leise Bunger trotz seiner eindringlichen Stimme allein am Keyboard spielt und trotzdem enorme Wirkung erzielt. “Was

berührt, das bleibt“ ist einer der markantesten Zeilen aus dem Song, der auch zum Titel seines aktuellen Albums wurde. Am Ende schluckt man. könnte die ominöse Stecknadeln fallen hören und ist fast ein wenig froh, dass es solche Momente nicht wie die reinen Open-Air-Konzerte vor der Feuerwache mit dem Verkehr der Mannheimer Neckarstadt aufnehmen müssen. Der 33-Jährige hat die volle Aufmerksamkeit verdient.

 

Sein inhaltliches Spektrum ist enorm breit: Bunger stellt dabei oft tiefgehende Sinnfragen wie "Wofür hältst Du Dich am Leben fest?”, verweist aber zu Recht darauf, dass er nicht nur depressive Lieder zu bieten habe. Dass er dann "Niemand hier kann dich retten" ankündigt, sorgt zwar wieder für Lacher. Aber der Text-Zusatz “außer dir selbst. Sei dein eigener Held” macht die Botschaft klar.

Der Wahl-Hamburger kann auch von kleinen Triumphen berichten. Etwa, dass "Blockaden" mal Single der Woche bei ITunes, als bei Apples Download-Dienst  die Maschinen noch nicht allein das Sagen hatten. Klar, dass Menschen, sogar ITunes-Redakteure auf  Texte mit derartiger psychologischer Tiefenschärfe reagieren, die Aufmerksamkeit fordern. Fast nebenbei zeigt Bunger immer wieder, dass er für einen Sänger ein bemerkenswert guter Keyboarder ist. 

Eine Stunde war etwa geplant, der Auftritt dauert fast zwei - und wird nach der Hälfte locker, aber auch noch ernster. Das wunderschöne "Heimlich" kündigt der Hauptdarsteller als "ultra-beklopptes Liebeslied" und Kontrastprogramm an. Dabei ist es allenfalls verspielt und hat Bunger-typisch trotz teilweise gewagter Wortspiele wunderbare Zitate zu bieten: “Wenn man sich wie ein Braunbärbaby, träumend auf den Beinen hält / Und dann taumelnd, mit den Armen rudernd, schwer in Liebe fällt / Wenn man über beide Ohren das Verliebtsein definiert, diskriminiert das nicht Dumbo und Prinz Charles / Man sagt, nur weil man gut aussieht, ist man lange noch nich' schön / Doch bei deinem Augenaufschlag, muss selbst Boris Becker stöhn'.”

Als der Sänger vom Keyboard  ans Kneipenklavier wechselt, folgt  eines der wenigen  Wut-Bunger-Lieder:  In "Am Ende des Tunnels" wettert er gegen Formatradio, gefallene Idole und Xavier Naidoo. Auf den - tatsächlich abwegigen - Vergleich seines Gesangsstils mit dem des Mannheimers reagiert der äußerst sanftmütig wirkende Songwriter im Lied handfest: "'Hey Enno dein Lied, das ist so schön ruhig / Das klingt ja wie Xavier Naidoo' / Irgendwo brennt eine Sicherung durch / Ich steh auf, rufe 'Nein!' und schlag zu.” Recht hat er, denn speziell jetzt  klingt er eher wie Sven Regener von  Element Of Crime, obwohl er nur selten so rau rüberkommt und ansonsten sehr eigenständig. Das hochpolitische "Wo bleiben die Beschwerden” setzt mit Liedermacher-Sprechgesang wieder einen Kontrapunkt. Etwa mit der aufrüttelnden  Strophe: "Und irgendwo hinter der Glotze endet unser Tellerrand / Und wir richten ohne Glatze ähnlich großen Schaden an / Nein, es sind nicht die paar Nazis, es ist unsere Ignoranz / Lieber BILD, GNTM und Dschungelcamp am Bratwurststand / Als wär' es nicht in unserer Mitte, sondern nur am rechten Rand /

Machen wir weiter unsere Witze über Gutmenschen im Land / Vergessene Geschichte wiederholt sich irgendwann / Ist unser Mitgefühl etwa in einem Flüchtlingsheim verbrannt?” Danach  will Szenenapplaus einsetzen. Der lässt sich aber sensibel mit einem Ansatz von Freunde schöner Götterfunken einbremsen. Eindrucksvoll. Zumal das Lied schon vor sechs Jahren unter dem Eindruck des Entstehens von Pegida geschrieben wurde. Das wendet Bunger mit einer flammenden Absage in die Gegenwart - gegen Rassismus, Antisemitismus und diverse Querdenker.

Bungers Parole:  "Das Destruktive ins Konstruktive verwandeln", vor allem in Pandemie-Zeiten. Schon witzelt er wieder über das Positive der Pandemie. Wie "Maskenball das ganze Jahr", selbst im karnevalsfremden Gefilden wie seiner Heimat Ostfriesland. Das eindringliche "Ponyhof" widmet der Werder-Fan Waldhof Mannheim, das er mit acht beim Football Manager Pro geführt hat. Dabei ist es ein  "You‘ll Never Walk Alone" für beste Freunde, das die Augen feucht werden lässt. Wieder lockert er den Kloß im Hals der Zuhörer: "Ich bin Pandemie-erprobt, also gewohnt mit viel Abstand zu spielen", witzelt er mit Blick auf die vorbildlich nach Hygiene-Vorschriften platzierten, weit entfernten  Besuchergruppen.  Und erinnert daran,  wie er 2013 Maifeld-Derby-Macher Timo Kumpf per Mail überredet hat, ihn auf dem Festival auftreten darf. "Weil da Daughter gespielt haben."

Als letztes Lied vor der Zugabe singt er in "Bucket list" über Dinge, die man sich ewig vornimmt  - darauf  sollte jeder, der von deutschem Pop mehr als Ohohoho-Refrains erwartet, Enno Bunger setzen. Live, als Stream oder auf grandiosen Alben wie "Flüssiges Glück". Das lohnt sich. Nach einem schnell geholten Bier endet der Abend mit Liedern über wahre Freundschaft, einem sphärischen Electro-Instrumental und einem typischen Enno-Bunger-Satz "Haltet durch! Haltet die Ohren steif, damit die Maske oben bleibt."