Kultur

Rock am Ring Mit friedlichen und kultivierten Fans, den US-Rockern Palisades und Drangsal aus Herxheim hat das Nürburger Ereignis begonnen

Festival zwischen Euphorie und Überzeugung

Wenn sich 684 Tonnen Bühnenaufbauten, 3500 Meter Kabel und mehr als 38 Kilometer Zaun zu jenem Großereignis formen, das als Traditionsfestival seit Jahrzehnten die Massen in die Eifel lockt, ist Rock am Ring wieder am Nürburgring eingetroffen. Dass sich Zehntausende Fans – vom Festival-Neuling bis zum Anhänger der ersten Stunde – wie selbstverständlich schon Tage vor dem ersten Akkord auf historischem Grund einfinden, ist dabei nicht weniger als ein Akt zwischen Euphorie und Überzeugung. Auch der leitende Polizeisprecher, Lars Brummer, bestätigt im Gespräch mit dieser Zeitung, dass die Rock-Liebhaber den Reiz zur frühen Anreise für sich entdeckt haben und konstatiert eine „kultivierte Anfahrt“, bei der die Besucher die wenigen Staus „mit erstaunlicher Geduld ertragen“ hätten. „Das gehört hier fast schon zur Mentalität“, ergänzt der Beamte – und trifft dabei einen Nerv.

Strass-Motive im Gesicht

Denn auch, wenn der Start am frühen Nachmittag für partywütige Besucher gefühlte Minuten nach dem Aufstehen liegt, findet sich eine erstaunliche Menge vor der sogenannten Crater Stage ein, als die amerikanischen Post-Hardcore-Spezialisten von Palisades den Reigen mit melodischer Gewalt eröffnen. Da ist es völlig gleich, dass der brachiale Sound von Frontmann Lou Miceli und den Seinen bei aller Stimmigkeit nicht den Massengeschmack trifft: Die Anwesenheit der Fans ist eine Geste der Bereitschaft, sich in den folgenden Stunden bedingungslos von der Kraft guter Musik einnehmen zu lassen.

Womit man fast schon nahtlos zum Herxheimer Gewächs Max Gruber und seinem Projekt Drangsal kommen kann, das am Ring ungewöhnlich intensiv gefeiert wird. Mit dunkelrot geschminkter Augenpartie und Strass-Motiven im Gesicht, tritt Gruber entschlossen auf die Planken und zelebriert mit seiner Band seinen melodischen Hybriden zwischen Post Punk und Indie Rock, der sich auch – und gerade – für das größte deutsche Rock-Festival nicht verbiegt.

Am ersten Tag ist es genau diese Mixtur, die den Unterschied macht: Rock am Ring präsentiert sich trotz aller Kritik erhaben als Festival, auf dem die musikalische Grenzenlosigkeit authentisch zu leben gelernt hat. Dass der Alternative Metal von Halestorm bei aufziehendem Regen ebenso funktioniert wie der zarte Poprock der US-Newcomer Against The Current ist jedenfalls kein Zufall: Es ist eine selbstverständliche Vielfalt, die zum Prinzip geworden ist. Und mit dem Hunger nach Mehr zelebriert wird. Die Spiele haben begonnen!