Kultur

Fidelios „Wir sind das Volk“

Archivartikel

7. Oktober 1989: 40. Jahrestag der DDR-Gründung. Gorbatschows Prognose: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Honecker konterte: Diese DDR wird in 100 Jahren noch bestehen.

Am selben Tag in der Semperoper Dresden: Premiere von „Fidelio“. In der Königsloge ist die DDR-Prominenz versammelt. Draußen skandieren Menschen „Wir sind das Volk“. Vorhang auf. In der Mitte ein Wachturm wie an der Berliner Mauer und der Grenze zur BRD – eingerahmt von einem doppelreihigen Stacheldrahtzaun. Neonleuchten fluten grell die Szene. In der Grenzwache agiert Rocco in der Uniform der Volkspolizei. So geht das weiter. Unglaublich stimmig. Chor- und Kerkerszene spielen in einem Hochsicherheitstrakt, der Assoziationen an das Stasigefängnis in Bautzen weckt. Das Trompetensignal, das Freiheit und Menschenwürde die Tore öffnet, läuft eiskalt über den Rücken. In der Jubelszene am Schluss ist das Volk präsent, das vom Semperplatz auf die Bühne gewechselt zu haben scheint.

Christine Mielitz, die viel am Nationaltheater gearbeitet hat („Rienzi“, „Jenufa“, „Macbeth“), hat das inszeniert – unbemerkt von den Behörden durch eiserne Diskretion im Haus. Friedemann Layer, Mannheims früherer GMD, war für die musikalische Leitung vorgesehen; er hat abgelehnt und sich später die Haare gerauft. Der Jubel im Publikum war unbeschreiblich; viele drehten sich triumphierend zur Königsloge um. Selbstverständlich folgte auf dem Fuße das Verbot. Es hielt fünf Wochen. Von da an feierte die Aufführung einen beispiellosen Erfolg, der nach 138 Aufführungen bis heute anhält.

Vier Aufführungen habe ich während meiner Aufbaujahre von 1992 bis 1996 in Sachsen erlebt. Sie waren mein ergreifendstes Erlebnis mit Beethoven. Zum ersten Mal habe ich den „Fidelio“ wirklich verstanden – als Meisterwerk, zeitlos, modern und beängstigend lebensnah.

Claus Meissner, ehemaliger Präsident des Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg und des Oberverwaltungsgerichts Sachsen, gründete die Gesellschaft für Neue Musik. In „Mein Beethoven“ schreiben im Beethoven-Jahr Prominente über ihre Beziehung zum Komponisten.

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