Kultur

Klassik Karl-Heinz Steffens leitet die Deutsche Staatsphilharmonie zum letzten Mal in Mannheim

Finale auch ein Anfang

Mozart hatte einen übergeordneten Plan. Den hatte er im Grunde immer. Aber war es wirklich so, dass er seine drei letzten Sinfonien als „instrumentales Oratorium“ konzipierte – als Gesamtwerk in zwölf Sätzen, wie der Mozart-Spezialist Nikolaus Harnoncourt in seinen letzten Lebensjahren annahm? Harnoncourt vertrat sogar die Auffassung, dass jeweils zwei der Sinfonien keine „echte“ Einleitung und keinen „echten“ Schluss besäßen, was bei ihm zur Folge hatte, dass er Nummer 39 ungebremst in Nummer 40 übergehen ließ. Eine ziemlich steile Altersthese.

Karl-Heinz Steffens hat gewiss von ihr gehört, aber er macht sie sich natürlich nicht zu Eigen. Dass der Schluss von Nummer 39 alles andere als schulmäßig erscheint, brüsk abreißt, nimmt er mit Humor, er dirigiert es als Hommage an Haydn – was durchaus im Sinne des Erfinders Mozart ist. Steffens leitet zum letzten Mal in Mannheim die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, im Musensaal des Rosengartens. Es ist also ein besonderes „Meisterkonzert“, und das ist es nicht nur durch die Repertoire-Auswahl. Der Originalklang-Guru Harnoncourt liegt Steffens eher fern, sein Stab war nie die Speerspitze historisch-kritischer Musikausübung. Und in den neun prall gefüllten Jahren mit der Staatsphilharmonie gab Steffens’ Umgang mit alter Musik, etwa bei Bach, gelegentlich sogar zur Sorge Anlass. Aber hier, bei früher Wiener Klassik, überzeugt er.

Offensive und fordernde Gestik

Weil er Mozart, anders als romantische Legenden lange wissen wollten, nicht als Schöpfer großer „Letzter Worte“ zeigt, sondern als Aufbruchsmusiker. Der Geist des Neuanfangs durchdringt bereits die Nummer 39 bis in kleinste Poren, das dramatische Helldunkel dieser in der „Zauberflöten“-Tonart Es-Dur komponierten Sinfonie entlädt sich förmlich – auch durch einen kernigen Trompeten-Treibsatz. Und im Menuett sind das geschliffen Feine und das kunstvoll Stampfende und Derbe makellos verzahnt. Im Menuett von Nummer 40 muss man eher von Verhaken sprechen, aber Steffens zieht daraus enorme Reibungsenergie. Das g-Moll-Werk versteht er in gewisser Weise schon als Blaupause für Beethoven: als Lehrstück für die Kunst, wie man aus schlichtem Themenmaterial die „tragisch“ große Sinfonie zusammenschweißt. Und in der gleißend hellen Nummer 41 dringt trotz aller Virtuosität des kontrapunktisch durchgestylten Komponisten-Handwerks immer wieder der Musiktheater-Mann in Mozart durch. Die C-Dur-Sinfonie ist nicht die lange Schlusssequenz eines „instrumentalen Oratoriums“. Sondern häufig eine wilde Oper.

Jeder der zwölf Sätze, die im Musensaal gespielt werden, hat seinen individuellen Umriss und seine Betriebstemperatur, die Staatsphilharmonie klingt satt und sehnig. Karl-Heinz Steffens dirigiert das alles gestisch offensiv und fordernd, aber gleichzeitig entspannt: Ein Feldherr, der schon vorher weiß, dass er die Schlacht gewinnen wird.