Kultur

Schauspiel Den Wilden Westen ins Studio Werkhaus gebracht

Frauen voller Rachegefühle

Archivartikel

Über dem Tal des schwarzen Adlers steht der Mond, Lagerfeuer flammen auf, in der Ferne pfeift ein Zug. Da hallen Schüsse durch die laue Nacht und Pferdegetrappel nähert sich. Jolene Evans ist mit ihrer weißen Stute Blue Jeans auf dem Weg nach Dawsons Creek, um sich am Mörder ihrer Eltern zu rächen. So beginnt das Stück von Dennis Seidel „Zehn Meter in den Wilden Westen“ – ein feministisches Komödien-Drama mit Musical-Elementen, das der Autor, Regisseur und Schauspieler dem Jungen NTM zum 40. Geburtstag ins Studio Werkhaus mitgebracht hat.

Dennis Seidel ist Mitglied des Hamburger Ensembles „Meine Damen und Herren“ (MduH), das seit 1995 Schauspielern mit geistiger Behinderung eine Bühne öffnet. Die Texte seiner Stücke schreibt er selbst, wählt die Besetzung aus dem MduH-Team aus. Für seinen Western hat er Songs geschrieben, die mal in hartem Techno, mal in sentimentalem Blues-Sound die Handlung unterstreichen. Die meisterhafte Sängerin und Schauspielerin Fee Kürten gehört zusammen mit den perfekten Choreographinnen Dasniya Sommer und Solène Garnier zu den externen Darstellern dieser Aufführung. Sie sind die rivalisierenden Westernheldinnen Jolene Evans und Tatjana Thorns, die sich auf der Bühne gekonnte Schießereien und Kämpfe liefern, sodass das Blut (aus der Sprühflasche) nur so spritzt.

Tote zum Leben erweckt

Dennis Seidel schlüpft selbst in Frauenkleider und spielt eine Journalistin, die die ganze Geschichte geschrieben hat und nun dem Publikum zeigt, was schriftstellerische Freiheit ist. Denn die vielen Erschossenen, alle tauchen sie als Schwestern zum Leben erweckt auf, leisten sich in ihrer Rachlust neue Kämpfe und sterben im Schusswechsel, bis wieder neue Schwestern auftauchen – eine Endlosschleife skurriler Momente und übertriebener Dramatik, voller verwirrender Namen, die Melanie Lux als Sheriffin dem Publikum vergeblich entwirren möchte.

Dennis Seidel gilt selbst als behindert und kennt die Sehnsüchte und Wünsche der Menschen, die in vieler Hinsicht vom Leben ausgeschlossen sind. Auf einer vom Rollstuhl gezogenen drehbaren Bühne agieren seine Personen wie Models auf dem Laufsteg. Die Liebeserklärung eines Plüschhundes an eine Barbiepuppe bringt wahre Gefühle ans Licht. cha

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