Kultur

Serie Der Künstlerische Leiter von Enjoy Jazz, Rainer Kern, entwirft eine Vision für die Zukunft / Vielsprachigkeit wird die Produktionen stark prägen

Fremde(s) als gleichberechtigt erkennen

Archivartikel

Wie die Kultur der Zukunft aussieht? Ich habe da ein leicht unscharfes und gerade deshalb ganz klares Bild vor mir: Sie sieht irgendwie bunt aus. Sie ist kunstvoll verpixelt, ergibt aber ein völlig transparentes Bild, das sich mit dem eigenen Standpunkt bewegt.

Die Kultur der Zukunft ist ein ungewöhnliches Morphing-Phänomen: Wie unterschiedliche Bilder beim Film ineinander überblenden, ist sie geprägt von fließenden Übergängen. Die Kultur der Zukunft ist vielsprachig, spricht Babylonisch mit Akzent, sagt aber meistens gar nichts, weil sie einfach nur ist. Und dieses Sein darf sinnfrei sein oder ein wertebasiertes, proaktives Handeln anregen. Dadurch steht die Kultur der Zukunft für die größtmögliche Annäherung an die Kongruenz von Sein und Spiel. Mit einem Wort: für Relevanz.

Gesellschaften verändern sich. Sie haben keine andere Wahl. Wenn Kultur diese Veränderung negiert, wird sie zu einer Gesinnungskultur, die als Bollwerk benutzt wird. Das heute gängige Synonym für Bollwerk lautet Leitkultur – ein Schlagwort gewordener Aufschrei der Hilf-, vor allem aber der Fantasielosigkeit. Und im Übrigen ein gedankliches Konstrukt, das mit der Aufklärung bereits überwunden war, bevor es sich durch die Hintertür der neo-völkischen Angst-Debatte wieder ins Licht der Öffentlichkeit gedrängt hat.

Was aber braucht die Konstruktion einer Kunst und Kultur, die nicht nur sich selbst bespiegelt, sondern Welt spiegelt?

Mir persönlich geht es bei dieser Frage immer um das Ermöglichen von Entwicklung. Das Zulassen und Sichtbarmachen von Einflüssen. Das gleichberechtigte Anerkennen des Fremden – und zwar wechselseitig.

Wenn Kunst die Interpretation von Welt ist, also das Spiegeln von Sozialem, Politischem, Lokalem und Globalem mit ästhetischen Mitteln, dann soll sich das auch in der Ästhetik niederschlagen dürfen. Denn dann haben alle die Möglichkeit, sich durch ästhetische Praktiken zu transzendieren, weil sie sich und das Andere über die Ebene der Kunst neu erfahren können. Wenn aber unsere Systeme weiterhin Entwicklungen – insbesondere hybride Formen – blockieren oder verlangsamen statt sie zu fördern und offen zuzulassen, dann bedeutet das die Auflösung der Verbindung zwischen der gesellschaftlichen Wirklichkeit und ihrer Ästhetisierung.

Relevante Ideen sichtbar machen

Dadurch würde die Kunst eine ihrer wichtigsten Aufgaben nicht mehr wahrnehmen können: relevante Ideen sichtbar zu machen, sie im Dialog aufzuschließen und für andere gesellschaftliche Bereiche verfügbar zu machen.

Die Kunst ist für mich als allein für sich stehendes System nicht denkbar. Sie ist nach allen Seiten hin offen. Sie will und sie muss durchlässig sein. Sie will und muss durchdrungen werden auch von der Zeit, in der sie entsteht und die sie im besten Falle konkret oder abstrahierend zu interpretieren sucht. Ich stelle mir die Kunst immer wie einen lebendigen Organismus vor. Er muss regelmäßig Nahrung aufnehmen. Aber er ist auch angreifbar. Manipulierbar. Instrumentalisierbar.

Ohne leitkulturelle Grenzkontrollen

Die Institutionalisierung von Kultur bietet hiervor ein Mindestmaß an Schutz, hat aber auch Nachteile: die Trägheit der Masse, die häufig komplizierten Entscheidungsprozesse, die wirtschaftliche Rechenschaftspflicht, die in der Regel auch künstlerische Aspekte berührt, und nicht zuletzt, dass die Selbsterhaltung an erster Stelle steht. Andererseits sind Institutionen aufmerksamkeitsstärker, schaffen Identifikation, vereinen viele Interessensgruppen und sind dadurch wehrhafter. Neue künstlerische Impulse kommen aber nicht selten von Außen, weil sie in einem subkulturellen Umfeld schneller und zwangloser entwickelt werden können.

Die Kultur der Zukunft ist etwas, das, beginnend mit dem heutigen Tage, unaufhörlich neu zu schaffen ist. Unsere wichtigste Aufgabe ist, diesem Prozess nicht im Weg zu stehen. Sie besteht auch darin, den Prozess nicht dogmatisch zu verbarrikadieren, alle Gedanken und Ideen erstmal passieren zu lassen, ohne leitkulturelle Grenzkontrollen durchzuführen.

Auch ist wichtig, zu verhindern, dass Kultur instrumentalisiert wird, dass ästhetische Fragen nicht mehr offen gestellt und durchgespielt werden können. Denn die Kultur der Zukunft, das sind wir. Und zwar alle.