Kultur

Performance Industrietempel zeigt „Die Turmmaschine“

Gang durch die Mechanik der Zeit

Archivartikel

Irgendwann hallt ein Glockenschlag im Turm der St.-Peter-Kirche wider. Das Vergehen der Zeit, das er bedeutet, erinnert einen daran, dass dieser Performance-Abend, den der Mannheimer Kulturverein Industrietempel hier gestaltet, fürs Erste der letzte sein wird. Eigentlich waren an drei weiteren Tagen im November Aufführungen der „lebenden Installation“ namens „Die Turmmaschine“ geplant, die der Verein zum 90-jährigen Bestehen der Kirche ausrichtet – sie müssen wegen der Corona-Maßnahmen entfallen. Aber mindestens die 18 bereits geplanten Führungen sollen im Frühjahr nachgeholt werden, sagt Thomas Reutter vom Industrietempel, bevor er die erste kleine Besuchergruppe den eng gewundenen, von kleinen Lampen mit Farben und organischen Formen ausgekleideten Treppenaufgang hinauf führt (Lichtskulpturen: Raimund Becker).

Surreal ansprechend

In einer kojen-artigen Holzkonstruktion treffen wir auf die fast regungslosen, nach japanischer Butoh-Tradition weiß gekalkten Tänzerinnen Nicole Mayer, Julia Anders und Bernadette Pack, die sich bald in geisterhafter Choreographie zur nächsten Etage winden, wo sich hinter einer Tür Butoh-Künstler Alexander Peschko verbirgt. Während die reale Mechanik der Turmuhr verborgen bleibt, werden Räderwerk-Animationen auf das blanke Mauerwerk geworfen (Projektion: Guido Schmidt).

Mit den visuellen Bewegungen verzahnt sich die von Benjamin Doubali geschaffene Soundkulisse, die irisierend, schwadenhaft im Gemäuer resoniert und von tiefen, pochenden Schlägen durchwirkt wird, die sich zu rhythmisch zirkelnden Mustern formieren. Drei Frauen verharren auf einer steil nach oben ragenden Treppe: Antje Reinhard, die mit klarer Stimme den dichtenden Tübinger Turmbewohner Friedrich Hölderlin rezitiert („Da ich ein Knabe war“) und Antje Krause und Nora Berger, die klangschön Brahms’ Vertonung von Hölderlins „Hyperions Schicksalslied“ singen. Eine knappe, surreal ansprechende halbe Stunde dauert die Performance.

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