Kultur

Gedanken beim Rasieren

Jean Cocteau, Jahrgang 1889, dürfte einigen noch in Erinnerung sein. Das war der Franzose mit den aristokratischen Gesichtszügen, ein Bonvivant – ein Lebemann also, der die Männer und feinen Zwirn liebte. Ein Mann des Films und der flotten Sprüche, die manchmal richtig weh taten. So wie dieser: „Wenn ich morgens beim Rasieren in den Spiegel sehe, schaue ich dem Tod bei der Arbeit zu.“ Dazu hatte Cocteau immerhin bis ins 75. Lebensjahr Gelegenheit, er starb 1964.

Eine Morgentoilette mit Gedankensplittern à la Cocteau ist aber nicht jedermanns Sache. Wir bevorzugten eher Lebensweisheiten unserer Großmutter, die allen Ernstes behauptete: „Morgenstund’ hat Gold im Mund.“ Was sie damit sagen wollte, erschloss sich uns nicht direkt, zumal wir dem Beruf des Zahnarztes ziemlich reserviert gegenüberstanden. Was mit unseren frühkindlichen Erfahrungen rund um den Verlust der Milchzähne zusammenhing.

Inzwischen haben wir nachgesehen, was es mit der Morgenstund’ auf sich haben könnte. Wie oft in solchen Fällen kommen die alten Lateiner ins Spiel: „aurora habt aurum in ore“ – also: Morgenstund’ hat Gold im Mund – lesen wir und landen damit bei der golden schimmernden Morgenröte.

Wir machten kürzlich die Probe aufs Exempel, schauten frühmorgens nach oben und waren entsetzt: Zwar schimmert das Himmelsblau ganz früh tatsächlich golden, aber der Zauber hält nicht lange. Düsenclipper ohne Zahl ziehen in der Ferne ihre Bahn und hinterlassen weiße Kondensstreifen. Immer mehr Jets sind es, die ihre Duftmarken setzen und so verschwindet die Himmelsbläue, sie macht einem weißen Schleier Platz.

Spätestens jetzt finden wir uns wieder bei Cocteau: Das Weiß bringt womöglich erst der Atmosphäre, dann der Welt über die Erderwärmung und schließlich der Menschheit den Tod. Eine aktuelle Studie der deutschen Flugsicherheit besagt dazu: Markierte man sämtliche Flugbewegungen eines Tages am Himmel über Deutschland auf einer Karte, dann erhielte man völlig buntes Bild. Nur noch ein paar weiße Pünktchen blieben übrig als jene Zonen, in die sich kein Flugzeug verirrte. Aufs Ganze gesehen wohl zu wenig für den Erdball, um zu überleben. Harald Sawatzki