Kultur

Enjoy Jazz (II) Tord Gustavsens Messe in Heidelberg

Gefühlvolle Liturgie als Projekt

Archivartikel

Als liturgisches Jazz-Konzert angekündigt, diente die vorletzte Veranstaltung des Enjoy-Jazz-Festivals in der Heidelberger Heiliggeistkirche auch als Signal für einen Aufbruch - als einen Prozess der Öffnung für moderne Genres. Die Aufführung der „Messe“ von Tord Gustavsen war zugleich das erste Projekt des neuen Masterstudiengangs Popularkirchenmusik der Heidelberger Hochschule für Kirchenmusik.

Tine Wiechmann, die hierfür die Professur innehat, leitete das Werk des norwegischen Jazz-Pianisten und Komponisten, das sich in seinem liturgischen Ablauf an der traditionellen Messe orientiert. Das Publikum in der voll besetzten Heiliggeistkirche wohnte so auch einem Gottesdienst bei, den der Badische Kammerchor aus Studierenden der Hochschule sehr eindringlich gestaltete.

Die trübe Stimmung im Kyrie setzte der Chor mit klagendem Gesang um, der sich kakophonisch auflöste. Die klagende Bitte trug Uwe Steinmetz am Saxofon improvisierend weiter. Emotionale Entäußerungen wurden so in ihrer ganzen Schärfe übertragen. Eine Liturgie des Gefühls, die den Menschen als ein auf Gott geworfenes Wesen in den Mittelpunkt stellt.

Tord Gustavsen, der die Aufführung am Flügel begleitete, hat für seine Messe auf Elemente des Sakropop, der Folklore und der Romantik zurückgegriffen. Neben der liturgischen Struktur sind die in lateinischer Sprache vorgetragenen Messeteile als Reverenz an die Tradition zu sehen. Das Lied „O, die tiefe Liebe Jesu“ ist mit einem gospelartigen Blues-Groove unterlegt. Dem jazzigen Arrangement des Chorals „Befiehl du deine Wege“ von Paul Gerhardt wird gleichwohl der Kantionalsatz zugrunde gelegt.

Dies alles wird in den Kirchengemeinden längst praktiziert. Dass die kirchenmusikalische Lehre sich diesem Kurs öffnet, ist ein logischer, angesichts der Mitgliederentwicklung in den Kirchen offenbar unvermeidlicher Schritt.

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