Kultur

Literatur „Wir sind die Flut“ von Annette Mierswa

Gegen die Unvernunft

Archivartikel

Als Erdenbewohner befinden wir uns in einer misslichen Lage. Denn die Chance, der Klima-Katastrophe zu entrinnen, verringert sich ständig. „Wir werden daher, aller Voraussicht nach, als die Generation in die Geschichte eingehen, die sich über den Ernst der Lage hätte im Klaren sein müssen, in deren Händen auch die Möglichkeit gelegen hätte, das Blatt noch in letzter Minute zu wenden, und die vor dieser Aufgabe versagt hat“, schreibt Hoimar von Ditfurth Mitte der 80er Jahre. Schülerin Ava jedenfalls möchte nicht zu denen gehören, die ignorieren, wovor Wissenschaftler seit langem warnen. Und als sie Fernsehen eine Karte von Hamburg sieht, die zeigt, dass ihre Heimatstadt bald zu einem Drittel unter Wasser stehen würde, wenn die globale Erwärmung weiterhin zunimmt, handelt sie spontan. Ava schließt sich einer Aktivistengruppe an, verweigert den Schulbesuch und erlebt in einem Protestcamp mancherlei aufregende Abenteuer.

Authentisch und formbewusst

Auf welche Widerstände das Mädchen mit seinem Engagement stößt, beschreibt die in Mannheim geborene, in Hamburg lebende erfolgreiche Kinder- und Jugendbuch-Autorin Annette Mierswa in ihrem jüngsten Buch „Wir sind die Flut“ zeitbezogen und eindrucksvoll. Ihre sprachliche Vielfalt, ihr Gespür für die Innen- und Außenseite des Menschen hat einen Text entstehen lassen, der allen Mut machen sollte, die noch an die Verwirklichung von Utopien glauben. Was Mierswa unangestrengt, authentisch und formbewusst erzählt, dem Jargon der Jugend nahe, ohne ihn zu verharmlosen, beweist einmal mehr, wie genau und empfindsam sie Gefühle und Haltungen auszuloten vermag.

Wer die Welt retten will, benötigt Verbündete. Ava gewinnt sie, indem sie, getrieben vom Wunschdenken, das Prinzip Verantwortung nicht nur für sich beansprucht, sondern auch auf andere überträgt. Wie Mierswa solche Sehnsüchte literarisch klug und gedankenreich umsetzt, ist bemerkenswert. Auf diese Weise streift sie nicht nur den Dauerkonflikt zwischen Realität und Fantasie, sondern hält auch kühn jene Hoffnung wach, dass die Zukunft vielleicht doch Besseres bereithält, als es gegenwärtig zu vermuten ist.

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