Kultur

Geist in der Maschine

Archivartikel

Eigentlich kann das gar nicht sein – dass ein Geist in einer Maschine steckt. Auch wenn es nicht wenige Zeitgenossen gibt, die zu ihrem Auto ein höchst emotionales Verhältnis haben. Mit wie viel Hingabe sie jeden Samstag ihre Blechkarosse, die ja heute überwiegend aus Kunststoff besteht, streicheln und wienern. Manche Ehefrau würde sich freuen über so viel Zärtlichkeit.

Über diese eher oberflächliche Beziehung weit hinaus geht das Verhältnis mancher Musiker zu ihren Gerätschaften. Die Rede ist nicht von Gitarristen, die ihre Klampfe wie ein Heiligtum in höchsten Ehren halten (oder sie auch mal verbrennen wie einst Jimi Hendrix). Die Innigkeit zeigt sich paradoxerweise gegenüber eher kalten, unattraktiven Metall- und Kunststoffkästen: Mischpulten oder Laptops. Jan Bang, Residenzkünstler des diesjährigen Enjoy-Jazz-Festivals, schwärmt etwa davon, dass er zu seinem Computer eine enge persönliche Beziehung habe. Legendär war das Verhältnis der deutschen Krautrocker Can zu ihrer Anlage.

Mit fast religiöser Inbrunst berichteten sie davon, dass ihre Verstärker, Lautsprecher und Bandmaschinen eine Seele hätten. Diese Erfahrung machte auch der Schreiber dieser Zeilen. Dreißig Jahre lang besaß er eine Brotschneidemaschine, die treu ihren Dienst verrichtete. Bis sie (an dieser Stelle war bereits davon die Rede) die Fingerkuppe ihres Besitzers kappte. Kurze Zeit danach ist der Schneideapparat für immer verstummt. Offensichtlich hatte er seinen Auftrag erfüllt, dem Menschen, der sich ihm überlegen fühlte, eine Lektion zu erteilen, und konnte jetzt in Frieden sterben. Es gibt ihn also doch: den Geist in der Maschine. Georg Spindler

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