Kultur

Imaginale Die Aufführungen „Nocturama“ und „House by the Lake“ überzeugen in Mannheim / Israelisches Trio thematisiert Kindheit während des Nationalsozialismus

Gelungene Darstellung von Träumen und Leid

Archivartikel

Die thematische Klammer dieses Nachmittags reicht so weit wie das Leben selbst. Denn zwischen Nacht und Leid, Abenteuer und Tod liegen bei der Imaginale in der Alten Feuerwache oft nur wenige Stunden.

Den Anfang machen die Traumlandschaften, die sich eröffnen, wenn alles Licht bereits in weite Ferne gerückt ist. „Gute Träume“ wünschen die drei Performer des belgischen Theater de Spiegel ihrem Publikum. Denn „Nocturama“ ist nicht nur eine unerhört intuitive Installation, die die drei Künstler mit kuschligen Gesellen, kreativen Wortmeldungen und klangvoller Musik zum Erlebnis machen. Aus diesen Stoffen mischt sich auch ein Stück, das Kleinkinder ab einem Jahr nicht weniger zu faszinieren vermag als die großen Kenner nächtlicher Bühnen-Freuden. Die eingesprochenen Wort-Fetzen, die zwischen Italienisch und Französisch, Niederländisch und auch Deutsch variieren, sind da gar nicht entscheidend. Denn wo Fledermäuse durch die Szenerie flattern, Faultiere zum Tanz im Mondschein bitten und mysteriös plötzlich auch noch Fabelwesen auf den Plan treten, ist die Überraschung längst vollkommen.

Stille, augenzwinkernde Drastik

Was man nicht weniger auch den drei israelischen Puppenspielerinnen attestieren darf, die mit „House by the Lake“ ihr ganz eigenes Klagelied auf eine geraubte Kindheit singen. Dass Yael Rasooly, Edna Blilious und Gili Beit Halahmi dafür kaum Worte brauchen, sondern das Drama der drei jüdischen Schwestern allein aus der Kraft des Augenblicks erzählen, imponiert hier ganz besonders. Vor allem, weil die Brüche zwischen fröhlichen Kissenschlachten und erzwungenem Instrumentalunterricht so schrill sind, dass die läutende Glocke reicht, um eine Kindheit aus den Angeln zu heben. Diese verkörpern die drei in einer ästhetischen Schönheit, die bereits beim Zusehen schmerzt, wenn man sich ihren späteren Verlust vergegenwärtigt. Die feinen Kleidchen, die sich achtsam bewegten. Die kunstsinnigen Ballett-Sprünge, mit denen man einst hoch hinaus wollte. Und nun: Fliegeralarm, der Sprung in den Schützengraben, die Angst um das Leben.

In seiner stillen, manchmal fast augenzwinkernden Drastik ist das von den Israelinnen brillant gespielt. Letztlich geht es hier um die Schoah, die Puppenspielerinnen setzen das aber nicht mit dem schuldsuchenden Finger in Szene. Das macht die Inszenierung dann umso wirkungsvoller. Da mögen am Ende zwei von drei Schwestern sterben: Die dritte ist es, die ihr Schicksal tragikomisch überliefert – und sie trägt so zu einem Nachmittag bei, der zwischen bunten Nachtschatten und auch schrillem Appell vor allem eines vermochte: zu begeistern.

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