Kultur

Wunder der Prärie Zum Auftakt des internationalen Performance-Festivals im Künstlerhaus Zeitraumexit wirken die Zuschauer mit

Gemeinsam Neues erfinden

Unter dem Titel "Social Body Building" firmiert die zehnte Ausgabe des internationalen Performance-Festivals Wunder der Prärie, mit dessen Programmatik das Mannheimer Künstlerhaus Zeitraumexit sein Publikum dazu einlädt, "die soziale Fitness zu trainieren".

Der erste performative (Kraft-) Akt des Eröffnungsabends ist allerdings weniger sozialer als vielmehr handfester Natur: Vier Mann tragen eine Frau auf einer Sänften-Plattform über den Hof von Zeitraumexit und hin zur dort errichteten, hölzernen Amphitheater-Konstruktion; eine hoheitliche Erscheinung, die sich als "Die Herrschaft der Kunst" vorstellen wird und unter deren Bollenhut-Tiara und blau-lilafarbenem Trachtenkleid Tanja Krone steckt.

Eine Einzugsprozession, die den Startschuss für den von der Regisseurin und Performerin geleiteten "Konvent" bildet, der Festival-begleitend einem Experiment namens "Artfremde Einrichtung" den Weg bereiten soll: Nach Art einer Allmende will die Kultureinrichtung ihre Räume und Infrastruktur ein halbes Jahr lang der Allgemeinheit zur Verfügung stellen, um den Ort nach Wunder der Prärie jeweils vier Wochen lang zu bespielen.

Mensch bringt Musik zum Tanzen

Beim Konvent, an dem jeder mitwirken kann, solle eine "Art Regelwerk" hierfür geschaffen werden, so Krone, das am Festival-Ende ausgerufen wird. "Was würden die Bürger hier gerne sehen, was finden wir wichtig? Was hätten wir gerne an dieser Stelle?", fragt Jan-Philipp Possmann, Künstlerischer Leiter von Zeitraumexit und zusammen mit Gabriele Oßwald Kurator des Festivals. "Vielleicht erfinden wir auch gemeinsam etwas ganz Neues. Zum Beispiel die Kultureinrichtung der Zukunft."

Auch einen Blick in die Vergangenheit warf zuvor Kulturbürgermeister Michael Grötsch in seinem Grußwort zur Jubiläumsausgabe von Wunder der Prärie, bei dem er den Ideengebern des Festivals für deren Engagement dankte - besonders den Zeitraumexit-Gründern und vormaligen Leitern Gabriele Oßwald, Wolfgang Sautermeister und Thilo Schwarz. Er freue sich, dass mit Nachfolger Possmann jemand gefunden worden sei, der "seine neuen eigenen Akzente setzen wird, aber auch die in vielen Dingen bewährte Arbeit und bewährte Zusammenarbeit mit der Stadt Mannheim weiterhin erfolgreich umsetzen wird."

Welche ungewöhnlichen Formen künstlerische Impulse annehmen können, zeigt sich bei der ersten Bühnen-Performance des Festivals: "The Guardians of Sleep" von David Weber-Krebs, bei der sechs Performer den in Gruppen eingeteilten Zuschauern zunächst von ihren Reisen erzählen, dazu unzählige Fotos auf ihren Tabletcomputern zeigen. Bis das allmählich entstehende, sich überlagernde und schließlich auf wenige, repetitive Schlagworte reduzierte Stimmengewirr verstummt und sich die Darsteller auf den Boden legen - um die folgenden knapp 50 Minuten damit zuzubringen, einzuschlafen. Das klingt auf unspektakuläre Weise minimalistisch, und das ist es auch, einerseits. Andererseits wirkt "The Guardians of Sleep" wie ein sensorischer Verstärker: Man nimmt jede Bewegung, jedes Geräusch im Raum wahr, fühlt sich von den noch offenen Augen der Performer beobachtet und sich selbst als Beobachter, der in der Verantwortung steht, über das Einschlafen der anderen zu wachen. Damit gelingt es Weber-Krebs, eine intensive Verbindung zu seiner Inszenierung zu schaffen.

In die Verantwortung wird das Publikum auch bei Rodrigo N. Albornoz' interaktiver Installation "Dance in the Volcano" genommen, bei der die Regeln der Disko-Kunst umgekehrt werden: Nicht die Musik bringt den Menschen zum Tanzen, sondern der Mensch die Musik, indem er sich im Raum bewegt und dadurch die Klangkulisse steuert - und das ist ziemlich klasse.