Kultur

Staatsoper „Antigone-Tribunal“ von Komponist Leo Dick erlebt in Stuttgart seine Uraufführung / Publikum hat die Wahl

Gemeinwohl, ungeschriebenes Gesetz oder Volksherrschaft

Archivartikel

Am Ende der rund 75-minütigen Uraufführung wird dem Publikum die Wahl gelassen, wer schließlich im Recht ist und festzustellen, was Vorrang hat: Das Gemeinwohl, das ungeschriebene Gesetz oder die Volksherrschaft. Bevor dieses Urteil gefällt werden soll, findet das sogenannte „Antigone-Tribunal“ statt. So heißt eine Kammeroper des 1978 in Basel geborenen Komponisten und Regisseurs Leo Dick, der in Berlin und Bern studiert hat, die als Auftragswerk das J0iN, der Jungen Oper im Nord, der Staatsoper Stuttgart uraufgeführt wurde.

Bevor diese Entscheidung gefällt werden soll, bekommt man, in der Fassung der ungarischen Regisseurin und Bühnenbildnerin Blanka Rádoczy, die auch in diesem Fall in beiden Funktionen tätig ist, und das Komponisten Leo Dick, einen der ältesten Stoffe der Weltliteratur vorgesetzt, die Geschichte der Antigone. Allerdings nicht in der fast 2500 Jahre alten Version von Sophokles, sondern in der des 69-jährigen slowenischen Philosophen, Psychoanalytikers und Kulturkritikers Slavoj Zizek, die er in seinem 2015 vorgestellten Theaterstück „Die drei Leben der Antigone“ aufgezeigt hat.

Alternativen vorschlagen

Dabei ging es ihm, nach seinem eigenen Bekenntnis, darum „eine neue Antigone“ zu schreiben, die all das herausstellt, was an ihrem klassischen Bild falsch ist, und die Alternativen vorschlägt“ und weiter, „meine Idee war es einfach, Sophokles’ Version als ein Bruchstück eines zerbrochenen Gefäßes zu behandeln und es durch andere Bruchstücke zu ergänzen, in der Hoffnung, dass vielleicht auf diese Weise eine Art Wahrheit erkannt werden kann“.

In dem „Antigone-Tribunal“ treten, anders als bei Sophokles, nicht acht, sondern lediglich sechs Personen auf – Antigones Schwester Ismene fehlt ebenso wie Kreons Frau Eurydike –, dazu der Chor, allerdings nicht der kommentierende thebanischer Greise, sondern der agierende des leidenden Volks von Theben, der zum Schluss für die Volksherrschaft steht und Kreon wie auch Antigone tötet, während sich Haimon selbst tätet.

In der anderen Version, in der es um das Gemeinwohl geht, hat sich Antigone umgebracht, während Haimon seinen Vater umbringen will, was ihm aber nicht gelingt, so tötet er sich selbst und Kreon bleibt als „lebender Toter“ zurück.

Und schließlich die dritte Version: Polyneikes wird beerdigt, nachdem sich Kreon und Antigone geeinigt haben, das Volk zerstört Theben, Kreon und Haimon werden getötet, Antigone bleibt als „lebende Tote“ zurück.

Diese Geschichte hat Leo Dick vertont. Dabei bedient er sich Mittel klassischer, aber auch moderner Komposition. Dazu gehören einerseits Antigones Da-capo-Arie im barocken Stil, häufige Wiederholungen, die für ihn ein „zentrales Element der Formbildung“ sind, andererseits aber auch elektroakustische Elemente und Halleffekte. Live kommen Violine, Violoncello, Flöte, Klarinette, Trompete, Klavier und Schlagzeug zum Einsatz.

Offene Bühne

Die Bühne ist offen. Links sitzt das Orchester, die differenzierte, auf den Stil der Komposition eingehende musikalische Leitung hat Christopher Schmitz. Im Hintergrund sieht man ein entfernt an einen griechischen Tempel erinnerndes Gebäude auf einem Betonsockel mit Vorhängen und einem Gitterzaun. Davor stehen eine niedrige, beschädigte Betonmauer und eine zerborstene Säule.

Das rund 20-köpfige Volk trägt theatralisch überhöhte Alltagskleidung von heute und zieht sich immer wieder schwarze Plastikumhänge über. Doch auch Antigone in Schwarz, die von sich behauptet: „Meine Natur ist Liebe, hassen kann ich nicht“, hantiert mit solchen Folien. Der Chor agiert zuweilen individualisiert und doch hinsichtlich der Bewegungen im Kollektiv. So tritt er im Gänseschritt, auf und ab, die Choristen ringen in Zeitlupe miteinander oder recken die Arme in die Höhe.

Mit einem hohen, schlanken Sopran verkörpert die in Freiburg im Breisgau geborene Carina Schmieger, die in Karlsruhe studiert hat, auch im Spiel glaubhaft die Antigone.

Der über einen profunden, expressiven Bass gebietende Koreaner David Kang profiliert sich als Kreon. Die schwedische Mezzosopranistin Ida Ränzlöv, – ebenso wie Carina Schmieger Mitglied des Opernstudios – tritt gleich in zwei Rollen auf und überzeugt sowohl stimmlich als auch darstellerisch.

Zum einen als jugendlich forscher Haimon, zum anderen als, weshalb auch immer, wie eine Schlange auf dem Boden kriechender alter Tiresias.