Kultur

Pop Ex-Can-Sänger Damo Suzuki spielt mit Kirchner Hochtief in der Mannheimer Disco Zwei

Gesang verströmt Kraft der Freiheit

Archivartikel

Es ist nur ein kleines Detail, dem man eingangs wenig Beachtung schenkt: „Feel Free Energy“ ist auf dem T-Shirt des feingliedrigen Mannes mit den langen grauen Haaren zu lesen, der in der Mannheimer Disco Zwei zur Bühne geht und das Mikrofon ergreift. Bald jedoch wird man diesen Schriftzug mit Hintersinn gewählt und als Ermunterung empfinden, die hier freigesetzte, von jeder dogmatischen Konvention gelöste Energie mitzufühlen, die in der kommenden knappen Stunde den Raum erfüllt.

Zur Musik der Mannheimer Indierock-Band Kirchner Hochtief entfesselt Damo Suzuki – die Augen geschlossen, die Hände fest am Mikrofon – seine Stimmkunst, lässt Melodiefragmente und Mantra-artige Beschwörungen erklingen, entfacht tiefgrollende, bluesige Stoßgesänge, lässt psychedelische Wort-Crescendi aufwallen und flüsternde Sprechgesang-Kaskaden durch den Äther gleiten.

Suzuki war einst Mitglied der Krautrock-Formation Can, von 1970 bis 1973 sang er in der legendären Band und wirkte mithin auch an deren Tonträger-Meilensteinen „Tago Mago“ und „Ege Bamyasi“ mit. Der gebürtige Japaner, nunmehr 70 Jahre alt, lebt in Köln und reist seit über zwei Jahrzehnten kontinuierlich durch die Welt, um allerorten mit lokalen Bands in Kontakt zu treten und improvisiert zu musizieren.

Beim Kulturraum Alter geplant

Dieses Konzert sei sein erstes seit dem 29. Februar, erklärt der gewinnend freundliche Künstler mit Blick auf die Veranstaltungsleere der Corona-Zeit. Es hatte eigentlich unter freiem Himmel beim öffentlichen Kultur- und Freizeitraum-Projekt Alter am Alten Messplatz stattfinden sollen, als Abschluss des „Ferien auf Alter“-Programms. Den Auftritt in die Disco Zwei zu verlegen, sei eine wetterbedingte Entscheidung gewesen, erklärt Julia Alicka den knapp 60 Besuchern. Sie ist eine der Initiatorinnen des Alter-Projekts und zugleich selbst Sängerin und Bassistin, die mit Popakademiker David Julian Kirchner und Thilo Eichhorn ein feines, zwischen Post-Punk und Noise sensibel verortetes Vorprogramm mit drei Can-Songs spielt.

Ihre beiden Mitmusiker kehren alsbald mit Kirchner Hochtief zurück auf die Bühne – eine kunstsinnige Gruppe, die nicht nur im musizierenden Gewerbe tätig, sondern laut Selbstauskunft obendrein „ein Global Player mit Mode- und Kosmetik Label, TV-Kanal und eigenem Streamingdienst“ ist. An diesem Abend ist der selbsternannte Konzern Kirchner Hochtief aber vor allem eines: eine Band, und zwar eine verdammt gute.

Gitarrist, Sänger und Kopf David Julian Kirchner wird neben Eichorn (Tasten und Sounddesign) von Rebecca Mauch (Bass), Jakob Betke (Gitarre, Geige) und Florian Schlechtriemen (Schlagzeug) begleitet. Zwischen elaboriertem Post-Rock, Noise und Avantgarde, zwischen reduzierten Sound-Miniaturen, cineastisch weit geöffneten Klangsphären und dynamischen Grooves tritt die Band mit Suzukis Gesang und Performance-Art-naher Stimmkunst in eine hypnotische Wechselwirkung – was uns einen denkwürdigen Konzertabend beschert.

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