Kultur

Schauspiel Das Theater Heidelberg bringt im Zwinger 1 Hans Falladas Roman "Kleiner Mann - was nun?" auf die Bühne

Geschichte eines unaufhaltsamen Abstiegs

Archivartikel

Kahl ist die Bühne, geprägt von der Nüchternheit eines Spielraums, dem jede Verkleidung abgeht. "Entkleidet" werden auch die Figuren in der Studie "Kleiner Mann - was nun?" nach dem 1932 erschienenen Roman von Hans Fallada. Seltsam, wie "nüchtern" der Alkoholiker und Morphinist sein Thema durchzog: Der unverschuldete, aber unaufhaltsame soziale Abstieg eines Mannes während der Weltwirtschaftskrise.

Allein seine Ehe mit der naiv-optimistischen, durchaus lebenstüchtigen jungen Ehefrau gibt ihm Stütze in einer immer mehr abweisenden Welt. Im Heidelberger Zwinger 1 hat Regisseur Markolf Naujoks, der auch die Bühnengestaltung verantwortet, seinen Blick auf die ganz persönlichen Befindlichkeiten der Figuren fokussiert. Er lässt sie so interagieren, dass die einzelnen Schalen von ihnen abfallen und am Ende der Kern eines Jeden übrig bleibt.

Feine Milieustudie

Es ist eine traurige Geschichte, diese Milieustudie, die über feine Charakterzeichnung die Lebensumstände in einer tristen, von Krisen und nahendem Unheil geprägten Welt spiegelt. Das Reich wird per Notverordnungen regiert, Hindenburg beugt die Verfassung, die Nazis werden immer bedrohlicher, die Reichen höhnen den Armen, Solidarität geht flöten. Der Arbeiter wird vom Chef "gefressen", sinnbildlich visualisiert in der Zwischen-Animation von Theda Schoppe, die auch die überwiegend dunkel gehaltenen Kostüme verantwortet.

Der Ernst der Lage, nahe am Originaltext des Autors entlang geführt, wird durch witzige Wortspiele dramaturgisch aufgelockert, wobei Erzähl- und Spielebene sich kunstvoll verschränken. Eine überzeugende Besetzung spitzt den zweieinhalbstündigen Abend in Richtung nahe gehender Beklemmung zu, einschließlich assoziativer Gedanken zum Zustand unserer heutigen Gesellschaft, wo Armut kaschiert und oft genug als selbst verschuldet deklariert wird.

Dominik Lindhorst-Apfelthaler gibt dem Buchhalter/Verkäufer Pinneberg angstbesetzte Züge. Sein junges Glück gefährdet, das Geld knapp, Arbeitslosigkeit droht und zerstört dann sein Ego. Sein Lämmchen wird von Sheila Eckhardt als liebenswert-quirlige Optimistin gespielt, die aus jeder noch so tragischen Situation das Beste machen und das kleine Glück einschließlich Bübchen herbeizaubern will. In verschiedene Rollen schlüpft Nicole Averkamp, unter anderem als halbseidene Mia Pinneberg, die egoistisch den Stürmen des Lebens trotzt.

Feine Charakterstudien in verschiedenen Profilen gelingen auch Andreas Seifert, unter anderem als schleimiger Kollegen-Intrigant, und Hendrik Richter, unter anderem als lebensfroher Luftikus. Die eindringliche und vielseitige Ensembleleistung stieß auf viel Zuspruch beim Premierenpublikum.