Kultur

Festival des deutschen Films „Capernaum“ und „Angel“ in der Reihe Weltkino erzählen von schicksalhaften Begegnungen im Libanon und im Senegal

Geschichten so schmerzhaft wie die Wirklichkeit

Archivartikel

Mit einer solchen Wucht brechen die Bilder von Elend und Gewalt über das Publikum herein, dass die üblichen Probleme des europäischen Alltags plötzlich ganz klein wirken. Mit „Capernaum“ hat das Filmfestival ein international gefeiertes Meisterwerk auf die Parkinsel geholt: Der Film der Libanesin Nadine Labaki war in diesem Jahr für den Auslands-Oscar nominiert und hat in Cannes den Preis der Jury abgeräumt. Auch in Ludwigshafen lässt er viele Zuschauer wie erschlagen zurück.

Die Hauptfigur Zain ist zwölf Jahre alt, aber so weise und lebenstüchtig, dass er in der Welt der Erwachsenen wie eine Insel der Vernunft wirkt. Doch die Elendsviertel des Libanon haben ihre überkommenen Regeln, gegen die Zain verstößt. Deswegen reißt er aus, findet Zuflucht bei einer Äthiopierin, die sich illegal im Land aufhält. Zain wird zum Aufpasser ihres einjährigen Sohnes. Als die Mutter verschwindet, ziehen beide alleine durch die Straßen und kämpfen ums Überleben. Kein Wunder, dass Zain schließlich seine eigenen Eltern vor Gericht zwingt: Er verklagt sie, weil sie ihn in diese Welt gesetzt haben.

Zum zweiten Mal laufen mit der Reihe „Weltkino“ in diesem Jahr internationale Filme im Festivalprogramm. Es geht darum, die eigene Kultur mit anderen zu vergleichen – und wohl auch zu verstehen, dass in dieser globalisierten Welt sowieso alles mit allem zusammenhängt. Das beweist der Film „Angel“ des Belgiers Koen Mortier, der auf einem Roman des Berufspessimisten Dimitri Verhulst basiert.

Auch hier steht eine schicksalhafte Begegnung im Zentrum: Radrennfahrer Thierry flieht aus dem grauen, regnerischen Europa vor der Erkenntnis, dass seine Karriere vorbei ist, und besucht seinen Bruder im Senegal. Dort erscheint das Leben unbeschwert und bunt, die Prostituierte Fae kann sogar über ihr Schicksal lachen. Zu ihrer Freundin sagt sie: „Manchmal schlafen wir mit Männern, die älter sind als wir es je sein werden.“ Thierry trifft auf Fae, es entwickelt sich eine Liebesbeziehung, die zu schön ist, um ein gutes Ende zu nehmen.

Fatales Aufeinandertreffen

Die beiden Hauptcharaktere sind etwas klischeehaft gezeichnet, die Handlung nicht sonderlich überraschend. Besondere Dramatik erhält der Film aber vom Wissen, dass diese verhängnisvolle Begegnung auf wahren Begebenheiten beruht: Roman und Film sind inspiriert vom Schicksal des schillernden belgischen Radrenn-Profis Frank Vandenbroucke, der 2009 im Senegal im Bett einer Prostituierten starb.

Die Handlung in „Capernaum“ ist dagegen zwar fiktiv, aber ebenfalls in der Wirklichkeit verankert: Zains Darsteller heißt ebenfalls Zain und ist mit der Familie aus Syrien geflohen. Regisseurin Labaki hat gesagt, sie habe die Hölle, in der Kinder am Rande der libanesischen Gesellschaft leben, keineswegs drastischer als in der Realität dargestellt. Die Wahrheit ist eben häufig so schmerzhaft wie die Bilder im Film – wenn nicht schmerzhafter. Eine wichtige Erkenntnis, vor der man auch auf der Parkinsel zu Recht nicht fliehen kann.

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