Kultur

„Gibt es so etwas wie Schicksal?“

Thomas Melle, Autor des Nibelungenstücks „Überwältigung“, über sein Werk

Herr Melle, Sie haben gar nicht so viel mit der Nibelungen-Sage zu tun, wieso haben Sie das Stück geschrieben?

Thomas Melle: Wer hat schon mit der Nibelungen-Sage zu tun? Keiner und doch alle vielleicht? Ich jedenfalls sah das als gute Strategie, von mir wegzugehen. Das Buch, das ich davor geschrieben habe, „Die Welt im Rücken“, war sehr nah an mir selbst dran. Diese sehr persönliche Zuordenbarkeit, diese Authentizität möchte ich aber loswerden und zerstreuen, und so dachte ich, dieser mir ferne Stoff ist dafür eine sehr gute Wahl. Und dann hat er natürlich, wenn man mit ihm umgeht, doch sehr viel mit einem selbst zu tun.

Worum geht es bei Ihrer Nibelungen-Geschichte?

Melle: Ich habe die Sachen weggelassen, die mich nicht interessieren, und mich auf die Kerngeschichten konzentriert. Gibt es so etwas wie Schicksal? Und was wäre das überhaupt? Besteht die Welt aus Grund und Ursache – oder gibt es auch einen freien Willen? Kann die Geschichte besser ausgehen, mit Ortlieb, dem Kind von Kriemhild, im Mittelpunkt?

Glauben Sie persönlich an das Schicksal?

Melle: Nein, glaube ich nicht. Ich glaube, dass es eine Gesamtdynamik gibt. Ich bin Naturalist oder Materialist. Vieles lässt sich naturwissenschaftlich begründen, selbst Gedanken sind ja reduzierbar auf neuronale Prozesse. Weil der Mensch aber blind dafür ist, könnte Schicksal auch ein Wort für unsere Ignoranz gegenüber diesen Vorgängen sein, die uns ja bestimmen. Ich sehe da kein Schicksal. „Schicksal“ ist für mich ein Ersatzwort dafür, dass eine unbekannte Größe eingreift, die unübersichtlich für uns ist. Ähnlich wie „Gott“. 

Das Interview wurde persönlich geführt und Melle vor Veröffentlichung zur Autorisierung vorgelegt.

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