Kultur

Bayreuther Festspiele Mit „Tristan“ und „Meistersinger“ feiern Wagnerfreunde zwei musikalisch wie szenisch gelungene Wiederaufnahmen

Glanz in den fränkischen Tropen

Archivartikel

„Wagnerianer sind kranke Menschen.“ Wer das augenzwinkernd sagte, ist Matthias Lippert, einst technischer Produktionsleiter am Nationaltheater Mannheim (NTM). Längst war er da in gleicher Funktion auf dem Grünen Hügel tätig. Recht hat er: Es tropft der Schweiß. Aus Manschetten, Hochsteckfrisuren und Vatermördern. 2000 leidensfähige Opernfreunde drückt blankes Holz in Brustwirbel und Kniescheiben. Sei’s drum: Hier flirrt Musiktheater der Extraklasse in tropisch-fränkischen Fieberträumen. Tristan sieht Isolde in dreieckigen Trugbildern, man selbst ein kühles Helles.

Titelheld Stephen Gould ist in Katharina Wagners „Tristan und Isolde“-Inszenierung (2015) in Höchstform. Sein Piano ist stabiler, seine Höhe strahlender, sein Legato sicher geworden. Ihm zur Seite steht mit der umjubelten Petra Lang eine emotionsgeladene Isolde, intensiv im Forte, sicher in der Höhe: „höchste Lust“ – auch bei 36 Grad.

Das finstere surrealistische Kammerspiel geht mehr und mehr auf. Feine, durchchoreographierte Gesten – etwa beim Verschütten des Liebestranks – begleiten die Parabel auf eine unmögliche Liebe im Überwachungsstaat. Mehr nach Wieland als nach Katharina sieht diese Inszenierung aus, der Frank Philipp Schlössmann und (eben jener) Matthias Lippert ein Treppengewirr à la M. C. Escher vorgelagert haben. Unangemessen ist das Buhgewitter, das Katharina Wagner hernach trifft.

Jubel ergießt sich indes auf Christian Thielemann, der das Festspielorchester sängerfreundlich, beseelt und intensiv zwischen Liebestraum und Realität zu leiten weiß. Steinharte Wagnerianer rechnen hier nicht mit der Regisseurin, sondern mit der Hügelchefin ab.

Welch guten Lauf diese heuer hat, zeigen auch „Die Meistersinger von Nürnberg“. Barrie Koskys gefeierter Vorjahrescoup wird nach sechseinhalb Stunden volle 20 Minuten frenetisch beklatscht.

Auch wenn ihm im zweiten Akt inszenatorisch die Luft ausgeht, so ist es dem jüdischen Australier doch zu verdanken, dem Werk den ursprünglichen Lustspielcharakter wiederzugeben. Dass Koskys Plan aufgeht, ist nicht nur Rebecca Ringsts Kostümen und Klaus Bruns’ Bühne, sondern vor allem Humor und Spielfreude seiner glänzenden Akteure geschuldet.

Vormals im NTM-Ensemble

Das Ex-NTM-Ensemblemitglied Michael Volle singt einen Hans Sachs, der keine Wünsche offen lässt. Klaus Florian Vogts Stolzing setzt Maßstäbe, was auch für den Beckmesser von Johannes Martin Kränzle gilt. Essig in den Wein gießt da nur Emily Magee mit ihrer (zu) hochdramatischen Eva. Doch Philippe Jordan macht das im Verbund mit dem großartigen Festspielchor (Eberhard Friedrich) mit seinem federnden, glänzenden und transparenten Dirigat mehr als wett. „Wagnerianer sind kranke Menschen.“ Nackentaub sind sie, nass geschwitzt, doch die Augen, sie glänzen …