Kultur

Literatur Vor 300 Jahren erschien „Robinson Crusoe“, jetzt ist der Roman in einer neuen, vollständigen Übersetzung erhältlich

Globaler Handel und die einsame Insel

Archivartikel

Sein Vater hat ihn gewarnt: „Er erklärte mir, dass nur besonders arme oder besonders begüterte Menschen das Abenteuer in der Fremde suchten, um dadurch aufzusteigen oder sich durch Unternehmungen abseits der ausgetretenen Wege einen Namen zu machen; diese Dinge seien aber entweder zu weit über oder zu weit unter dem, was meinem Stand angemessen sei.“ Und dieser Stand, der Mittelstand, sei sowieso der beste.

Aber der Junge hört nicht auf ihn, er will zur See fahren. Und gerät damit auch gleich wieder in den Mittelstand, arbeitet sich zum Plantagenbesitzer hoch, lernt den globalen Handel zwischen Amerika, Europa und Afrika ziemlich schnell und wird wohlhabend.

Aber dann hat er doch Pech: Auf einer Fahrt nach Afrika, wo er schwarze Sklaven kaufen wollte, erleidet er Schiffbruch auf einer einsamen Insel. Und jetzt beginnt die Geschichte, die wir als „Robinson Crusoe“ kennen: wie er sich einrichtet, sich eine Höhle ausbaut, mit Palisaden bewehrt, wie er sich eine Ziegenherde verschafft und mit nur wenigen Werkzeugen Tische und Stühle, Töpfe und sogar ein Boot baut. Wie er auch die Religion neu entdeckt und beginnt, sich mit seinem Schicksal anzufreunden und das Gute daran zu sehen – immerhin hat er den Schiffbruch überlebt.

Erstaunliche Reflexionen

Vor 300 Jahren ist dieser Klassiker erschienen, jetzt ist er in einer neuen, vollständigen Übersetzung auf dem Markt. Wer ein Kinderbuch oder eine Abenteuergeschichte erwartet, wird enttäuscht: Das Buch, aus Robinsons Perspektive geschrieben, ist für beides zu langweilig, denn es passiert nicht viel – die meisten Abenteuer geschehen vor oder nach dem Inselaufenthalt (Sklaverei, Stürme, Kampf gegen Wölfe). Es ist vielmehr ein erstaunliches Buch der Reflexionen: über Gott und die „Wilden“, das tätige Dasein und die Zufriedenheit. Zwar ist vieles davon zeitgebunden, wenn er etwa dem Gefährten Freitag seinen neuen Namen zuweist, ihm die englische Sprache und die christliche Religion aufzwingt.

Aber gleichzeitig relativiert er seine Stellung, wenn er über die Kannibalen nachdenkt: „Was hatten sie mir getan, und woher nahm ich mir das Recht, mich in ihren Streit einzumischen? Oft war ich mit mir selbst uneins, so auch über die Frage, wie ich wissen konnte, wie Gott in diesem speziellen Fall urteilen würde, denn offenbar sehen diese Menschen ihre Taten nicht als Verbrechen an.“

Und in den Versuchen, die einzig wahre Religion zu erklären, verheddert er sich allzu oft in seinen Satzkonstruktionen, so dass man als Leser nicht weiß, ob darin nicht eine subtile Ironie versteckt ist. Bei Daniel Defoe, dem Satiriker, der sich vehement für die Religionsfreiheit einsetzte und dafür auch an den Pranger gestellt wurde, läge das nah.