Kultur

Heidelberger Frühling Igor Levit vermittelt spirituelle Erfahrungen

Gottesdienst der Klänge

Archivartikel

Dieses Stück ist ein Exerzitium für die linke Hand – ohne Exerzitium zu sein. Denn so, wie Igor Levit die Transkription von Bachs Chaconne durch Johannes Brahms spielt, wird es zu einer gleichsam spirituellen Erfahrung. Dieser Eindruck beherrscht das gesamte Konzert mit dem Pianisten, der dem Heidelberger Frühling eine nahezu mystische Aura verleiht. Levit vermittelt eine hohe Empfindsamkeit in der Beschäftigung mit Musik, die dieses Konzert wie mit sakralen Weihen ausstattet. Ein Gottesdienst der Klänge, der uns Bachs Chaconne als eine Erfahrung des Heiligen zuteilwerden lässt. Nicht zu übersehen sind die hohen technischen Fähigkeiten des temporären Linkshänders, der die Klangeigenschaften der Violine dank der ausdifferenzierten Anschlagskunst auf die Tastatur überträgt.

Weitere Transkriptionen beherrschen das Konzertprogramm, so Busonis Fantasia mit Themen von Bach-Chorälen, die Levit behutsam aus unerforschlichen Tiefen zieht. Begleitung und Cantus firmus der Orgelvariation über „Christ, der du bist der helle Tag“ setzt Levit deutlich voneinander ab, wodurch der Eindruck der Zweimanualigkeit am Flügel entsteht.

Majestätischen Glockenschlägen gleich, beginnt der Gralsmarsch aus Wagners „Parsifal“. Levit zelebriert das Wagner-Werk, das Franz Liszt für Klavier bearbeitet hat, mit feierlichem Ernst, um in den verebbenden Nachhall mit Busonis Bearbeitung von Liszts Orgelkomposition über den Choral „Ad nos“ von Giacomo Meyerbeer einzusetzen. Gegen das dämonische Bassgrollen der linken Hand will sich die rechte zunächst nicht durchsetzen, sie bietet im Verlauf des Stücks alle technischen Mittel auf, um im martialischen Kraftakt zu bestehen. Levit demonstriert auch hier seine Neigung, Linearität und Struktur aufzubrechen, Pausen zu dehnen und Klänge ins beinahe Unhörbare zu transferieren. urs