Kultur

Literatur Der Niederländer Ilja Leonard Pfeiffer hat mit „Grand Hotel Europa“ einen grandiosen Roman vorgelegt

"Grand Hotel Europa": Die Liebe in Zeiten des Massentourismus

Wenn der aktuellen europäischen Gegenwartsliteratur Themenarmut bescheinigt wird und ein Kreisen um sich selbst, ist das gar nicht von der Hand zu weisen. Als Hoffnung machendes Gegenbeispiel muss man sich über den neuen Roman des in Genua lebenden holländischen Autors Ilja Leonard Pfeijffer deswegen umso mehr freuen. Er schichtet Stoffe, die für mindestens vier Romane gereicht hätten: ein Zauberberg-Update, einen anrührenden Liebesroman, einen historischen Thriller um den italienischen Barockmaler Caravaggio und eine feurige Globalisierungskritik anhand des die Welt überschwemmenden Massentourismus und der anbrandenden Flüchtlingswelle. Das ist eine Menge, und Pfeijffer beherrscht die Mischung in barocker Fülle. Er zwingt unsere Welt an seine Erzählkette.

Ein Schriftsteller, der den Namen des Autors trägt, mietet sich im Grand Hotel Europa ein, um schreibend seine Gedanken unter Kontrolle zu bringen. Es ist ein Hotel, in dem die Stammgäste nicht aussehen, als wären sie auf der Durchreise. In versilberte Serviettenringe sind ihre Namen eingraviert, wenn sie gut gekleidet Platz nehmen. Doch ansonsten herrschen Renovierungsbedarf und ein Übermaß an Geschichte. Einst hatte sich hier Paganini für den Komfort im Vestibül mit einem Ständchen bedankt, heute hat das Haus ein Chinese übernommen, der für schnelleres Internet sorgt und anstelle der Tischbedienung ein Büffet eingeführt hat. Auch den alten Majordomus Montebello, der überall Augen hatte für umfassenden Service, kann er nicht mehr brauchen. Aber dagegen gehen die Stammgäste dann doch erfolgreich vor.

Lauter ungebetene Gäste

Ansonsten kommen chinesische Tagestouristen, die immerfort fotografieren, weil sich hier die Motive häufen. Billigflieger sorgen nicht nur für verstopfte Museen, überall wandeln inzwischen die kurzbehosten Horden. Airbnb verdrängt die Ursprungsbewohner aus den Innenstädten und macht sie zu einer dienenden Klasse. Europa war gestern, ächzt unter seiner Kultur und seiner Geschichte, die mittlerweile das Einzige ist, was es anzubieten hat. Die Stammgäste stammen aus einer alten Welt und stemmen sich gegen das Neue. Über den chinesischen Hotelier sind sie sich einig: „Was uns Patina ist, war ihm nur Rost.“ Lauter ungebetene Gäste, und sowieso gilt im Zeitalter des Neoliberalismus Egoismus als eine Tugend. Einer der bei Tisch Parlierenden sieht das etwas anders: Die Touristen sind die Invasion und die hier Asyl suchenden Afrikaner eine Zukunftsperspektive.

In diesem Hotel, das ein Sinnbild des alten Europas ist, schreibt der Ilja Leonard Pfeijffer des Buches an seinem Roman. Den liest man mit zunehmender Begeisterung, weil hier ein Gigantomane am Werk ist, der blitzgescheit immer wieder zu Kernen vordringt, wobei er maßlos über Ziele hinausschießt. Seine große Liebe Clio hat ihn auch deswegen und aufgrund von zu viel Selbstgefälligkeit verlassen. Vorher war die Kunsthistorikerin nicht nur im Bett mit ihm, sondern auch quer durch Europa auf den Spuren Caravaggios unterwegs. Sie ist für ihn auch deswegen so schön, weil sie eine Leidenschaft hat. Mit genau der will sie nun endlich Karriere machen, jedoch an einem unverhofften Ort.

Dieser Roman ist mit Geschichten übervoll wie eine Renaissance-Kathedrale mit Bildwerken. Überall möchte man innehalten, doch der Erzählstrom drängt weiter von einer verblüffenden Binnengeschichte zur nächsten, von Original zu Original, von einem geschliffenen Dialog zur zuverlässig folgenden frappierend genauen Pointe. Pfeijffer scheut nicht zurück vor Romantik, Fantasy und Kulturgeschichtsexkurs. Sein Roman ist ein Füllhorn unverbrauchter Ideen, und von Ira Wilhelm ist er auch noch exzellent ins Deutsche übertragen. Allenthalben ist zu beobachten, wie aktuelle Kunst vor den Verwerfungen dieser Zeit in die Knie geht oder sich ins Mauseloch verzieht. Dieses üppige Buch tut es nicht.

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