Kultur

Schlossfestspiele Zwingenberg Musikalisches Crossover sorgt für ein volles Haus und einen überaus gelungenen Abend

Grandioses künstlerisches Feuerwerk

Archivartikel

Einen im doppelten Sinne heißen Juliabend erlebten hunderte von begeisterten Zuschauern im Rahmen der 36. Zwingenberger Schlossfestspiele bei der Open-Air-Gala „Opera meets Rock“ im historischen Schlosshof. Internationale Gesangsstars, das klassische Zwingenberger Festspielorchester und die Zwingenberger Rockband bauten vor vollem Haus in knapp über zwei Stunden eine Brücke von der klassischen Oper über Beiträge aus der Filmmusik und berühmter Musicals hin zu legendären Rock- und Pophits.

Musikalische Köstlichkeit

Auch der stramme Aufstieg in glühender Hitze hinderte viele Oper- und Rockfreunde nicht, per pedes die Anlage des Zwingenberger Schlosses zu stürmen und ihre Autos, einem Lindwurm gleich, im Tal zurückzulassen.

Eingerahmt durch die urig überwucherten Türme, die beinahe symbolisch für die beiden musikalischen Enden von „Opera meets Rock“ stehen könnten, ließen die Bühne und das Ambiente im Schlosshof eine musikalische Köstlichkeit ersten Ranges erwarten. Und die Erwartungen des Publikums wurden nicht enttäuscht. Vor dieser malerischen Kulisse wurde ein künstlerisches Feuerwerk gezündet, an das man sicher noch lange denken wird.

Die Ouvertüre aus der Oper „Carmen“ heizte dem Publikum gleich richtig ein. Micaela (Jana Marie Gropp) und Don Jose (Aaron Cawley) erfüllten als Gesangsduett in der Sprache der Liebe den Schlosshof und setzten ein erstes Ausrufezeichen. Cawley zeigte sich wie gewohnt ausdrucksstark. Und sie war ganz in der Rolle versunken, verträumt, beinahe entrückt. Aaron Cawley, ein westirischer Sänger, ist zum dritten Mal als Gastsolist dabei und erregte mit seinen Opernarien, darunter auch aus „La Traviata“, schon über die Grenzen seiner Heimat hinaus beachtliche Aufmerksamkeit. Seit der Spielzeit 2014/15 ist er Mitglied des Ensembles des Staatstheaters Wiesbaden.

Auch Sopranistin Jana Marie Gropp kann auf ein beeindruckendes musikalisches Repertoire zurückgreifen. Die mehrfache Trägerin renommierter Preise und Stipendiatin ist zum vierten Mal dabei. Sie war beziehungsweise ist auch in anderen Rollen bei den Festspielen zu sehen, unter anderem auch dieses Mal als Janet Weiss in der „Rocky Horror Show“.

In der nun folgenden musikalisch fein unterlegten Arie des Don Jose überzeugte Cawleys solistische, herzzerreißende Liebeserklärung ein begeistertes Publikum. Micaela antwortete ihm in ihrer nun folgenden kraftvollen und ausdrucksstarken Arie bewegend und gefühlvoll.

Nun meldete sich der Festspielchor unter Oliver Vogt mit Freddie Mercurys „Bohemian Rhapsody“ erstmals zu Wort und setzte sofort eigene Akzente. Für den erkrankten Patrick Stanke sprang Holger Ries, im Krönungsornat gekleidet, ein. Überhaupt bot die Kostümierung aller Beteiligten so manche durchaus heitere Überraschung. Ries ist ein Zwingenberger Urgestein. Von 2001 an war der ausgebildete Rocksänger, von einer Ausnahme 2017 abgesehen, bei den Festspielen immer dabei. Ries hat sich ein umfangreiches Repertoire aufgebaut. Er brilliert jetzt freilich auch in Opernarien.

Prasselnder Beifall

Der erste Gruß des Schlagzeugs der Rockband markierte den Wechsel hin zu rockigeren Darbietungen. Bei „Smoke on the water“ stieg die Band nun richtig ein. Die Synthese mit dem Orchester war perfekt und erntete völlig zu Recht prasselnden Beifall.

Der im Windschatten der Musiker auftretende Chor ließ nun die Post richtig abgehen. Er gab zu einem der letzten Male Sequenzen aus der „Rocky Horror Show“ zum Besten. Die Bühne explodierte klanglich und riss das Publikum und auch Moderator und Dirigent Rainer Roos mit sich.

Nach einem lang anhaltenden Beifall ging es dann in die Pause. Danach wurde es beinahe gespenstisch. Ein Mundharmonikasolo in 15 Metern Höhe leitete bei nun anbrechender Dunkelheit mit „Spiel mir das Lied vom Tod“ einen weiteren Klassiker und den zweiten Teil des Abends ein. Der Solist entpuppte sich als Intendant Rainer Roos, der das Publikum auch mit spontanen Slapstick-Einlagen zu unterhalten wusste. Stolz wies er in seiner Anmoderation auf den großen regionalen Bezug der Ensembles hin, die nur aus Musikern aus Baden-Württemberg mit den Schwerpunkten Mannheim und Stuttgart bestehen.

Die Arie „E lucevan le stelle“ der Solisten aus der Oper Tosca trug den Schmerz der Welt und war Gesang in höchster Vollendung. Wer bisher nicht schon sprachlos war, was es spätestens jetzt. Dann wurde es wieder engelsgleich. Jana Marie Gropps ließ mit ihrem Song der Fantine: „I dreamed a dream“ das Publikum in der Tat träumen. Es antwortete ihr mit prasselndem Applaus.

Stehenden Applaus gespendet

Und sie bewies danach mit Tesoris „Girl in 14G“ auch schauspielerisches Talent. Dieses Lied besingt die geradezu babylonische Gefangenschaft einer jungen Frau zwischen zwei Musikerinnen. Sie kommt nie zur Ruhe, ist sie doch den Übungseinlagen einer Opernsängerin in der Wohnung unter ihr und einer Jazzsängerin in der Wohnung über ihr permanent ausgesetzt. Nach einem letzten Gesangsduett mit „The prayer“ rundete Jacksons und Richies „We are the world“, gesungen und gespielt von allen Solisten und Gruppen, die Gala ab. Die Zuschauer honorierten diesen gelungenen Abend mit lang anhaltenden Standing Ovations.

Der Blutmond wies den Weg

Wahrlich ein grandioser Abschluss eines grandiosen Events vor grandioser Kulisse. Zwei Zugaben, unter anderem „Always look on the bright side of life“ entließen das Publikum in eine milde, klare Nacht, in der der Blutmond und der Mars dem Publikum den Weg ins Tal wiesen.

Die Schlossfestspiele Zwingenberg dauern noch bis Sonntag, 5. August, an. Christian Göckel