Kultur

Das Porträt Mannheimer Christina Laube und Mehrdad Zaeri veröffentlichen ein philosophisches Bilderbuch

Grenzenlos künstlerisches Paar

Ob es jemanden gibt, der unser Schicksal strickt? Darüber denkt Martha nach, weil die Frau auf dem Platz gegenüber im Zug ihr Strickzeug hervorholt. Ein Leben wie ein bunter Schal? Welche Farbe hätte dann die Liebe ihres Großvaters? Grün wie sein Garten vielleicht. Martha ist ein kluges kleines Mädchen auf der Zugreise zwischen Mutter und Vater. Eines, das sich fragt, warum Musiker Applaus bekommen, Bauarbeiter aber nicht.

Geschaffen haben es Christina Laube und Mehrdad Zaeri, Autorin und Illustrator aus Mannheim. Gemeinsam bilden sie, die auch privat ein Paar sind, das Künstler-Duo Sourati. Ihr philosophisches Bilderbuch „Marthas Reise“ ist im Knesebeck-Verlag erschienen. Ein Gesamtkunstwerk, das Kinder wie Erwachsene auf gleich drei Arten anrührt: mit der poetischen Geschichte Laubes, mit den charakteristischen Illustrationen Zaeris – und mit filigranen Lasercuts: einer teuren, aufwendigen Technik, die an Scherenschnitte erinnert. Mit ihr entstehen die Blätter eines mächtigen Baums, die aufwendigen Muster des seitenlangen Schals, das Baugerüst.

Es ist das zweite Lasercut-Buch, das das Duo im Knesebeck-Verlag veröffentlicht – nach dem Märchen „Aschenputtel“ nun erstmals eine eigene Geschichte. Das war der Wunsch der beiden, als der Verlag erneut anklopfte. Dabei war es Jahrzehnte her, dass Christina Laube geschrieben hat: seitenlange Liebesgeschichten für verliebte Schulfreundinnen. Zaeri hingegen sollte im Iran, wo er geboren ist, nackte Frauen für seine Mitschüler zeichnen.

Dass die beiden inzwischen häufiger zusammen arbeiten, das hat sich so ergeben. Die 45-Jährige ist eigentlich Fotografin. „Aber die Grenzen unseres künstlerischen Schaffens verschwinden immer mehr“, sagt Zaeri. Es kommt vor, dass die beiden Kulissen aus Papier für Buchillustrationen bauen oder für die Mannheimer Freiluftgalerie Stadt.Wand.Kunst Häuserfassaden mit Kunstwerken besprühen. „Wir haben verstanden, dass das kreative Schaffen am schönsten und am fruchtbarsten ist, wenn man sich keine Grenzen setzt“, sagt Zaeri. „Weder inhaltlich noch bei der technischen Umsetzung.“

Der 48-Jährige kann dabei einen Anfangspunkt setzen. Das gelingt Christina Laube nicht. Sie hingegen bleibt dran, arbeitet Dinge akribisch aus, worin er nach eigener Aussage „ganz schwach“ ist. „Wir haben ganz unterschiedliche Fähigkeiten und Unfähigkeiten“, sagt Zaeri, „glücklicherweise greifen die so schön ineinander“, ergänzt Laube. Wenn die beiden von sich und ihrer Arbeit erzählen, reden sie miteinander, schauen einander an, vollenden die Sätze des anderen.

In Hörweite zueinander

Und doch brauchen sie Freiräume bei der gemeinsamen Arbeit: Ein langer Flur trennt die beiden äußersten Zimmer ihrer Altbauwohnung in der Neckarstadt. „Mehrdad ist sehr chaotisch“, findet sie. „Christina kann in diesem Chaos nicht denken“, sagt er. Dennoch sitzt der andere in Hörweite.

Christina Laube hatte eine klare Vorstellung davon, wie Martha aussehen soll. Also zeichnete ihr Mann ein Mädchen nach dem anderen. „Entzückend“, kommentierte sie. „Sehr hübsch. Aber leider nicht Martha.“ Zum Glück habe Mehrdad die Gabe, sehr geduldig zu sein. Geduld brauchte das Paar auch, als der Text vom Verlag zurückkam – mit der Ansage: viel zu lang für ein Bilderbuch, muss drastisch gekürzt werden. „Es war ein Ringen, teilweise um jedes Wort“, erinnert er sich. „Mal hat die Lektorin gewonnen, mal ich“, sagt sie. Für die Autorin war es schwer, dass jemand „an eine intime Sache die Schere ansetzen will“.

Perfektion trifft auf Chaos

Manchmal sind sie selbst überrascht, wie gut sie zusammenarbeiten. „Wir feiern alles, jede Kleinigkeit“, sagt Zaeri. „Ein kleines Frühstück im Hotel auf Dienstreise.“ Laube: „Oder einen Menschen im Publikum, der uns beide über die Veranstaltung hinaus beschäftigt.“ Eigentlich verstünden sie sich bei der Arbeit besser als in manchen alltäglichen Dingen, findet sie. „Auch im Haushalt trifft gelegentlich schwäbische Perfektion auf iranisches Chaos“, erklärt er.

Den Illustrator bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Neun Jahre lang ist er nachts in Heidelberg Taxi gefahren, 15 Jahre lang versuchte er vergeblich, einen Verlag für seine Illustrationen zu finden. „Es gab Zeiten, in denen sich Mahnungen stapelten, der Mann von den Stadtwerken vor der Tür stand, um den Strom abzustellen.“ Zaeri aber wollte immer nur eines: zeichnen. „Ein Leben lang Bilder malen.“ Das erste Mal gesehen hat Christina Laube ihn als Fahrgast im Taxi. Wäre das gemeinsame Leben und Arbeiten der beiden ein Schal, er hätte warme Farben.