Kultur

Das Porträt Poptalent Luca Sestak erreichte mit Youtube-Videos schon Millionen – nun startet er mit einem Album durch

Groove im Blut, Moderne im Herz

Archivartikel

Luca Sestak ist zarte 14, als er sich an Albert Ammons legendären „Swanee River Boogie Woogie“ wagt. Dass der junge Mann den Traditions-Standard an einem Mittelklasse-Flügel damals nicht nur meistert, sondern mit flinker Hand und subtilem Feingefühl gar gestaltet, imponiert noch heute einer Gemeinschaft quer über den Erdball. Denn auch, wenn seit Sestaks erstem Youtube-Video vom 5. März 2009 mehr als ein Jahrzehnt vergangen ist: Die 8,7 Millionen Aufrufe des Dreiminüters finden ihr Echo bis heute.

Dabei wäre aus dem gebürtigen Celler Luca Sestak fast gar kein Musiker geworden. Als die Eltern ihr Kind damals dazu motivieren wollen, Klavier zu lernen, ist das Interesse beim damals Neunjährigen überschaubar. Erst einige Überzeugungsversuche und Jahre von Unterrichtseinheiten später entdeckt der Teenager das Internet – und damit den Zugriff auf die akustisch-digitale Welt des Jazz für sich.

Stundenlang verliert sich der junge Luca in Improvisationen von Soul-Legende Ray Charles, sinniert über die behänden Piano-Soli von Billy Joel und taucht ein in einen tonalen Kosmos, der ihn fortan stetig begleiten sollte. So weit, dass der junge Mann künftig nicht nur unermüdlich an seinem eigenen Anschlag arbeitet und beginnt, eigene Kompositionen zu schreiben, sondern auch eigene Videos auf Youtube folgen. Allein bis Oktober 2016 werden seine virtuell verfügbaren Auftritte stolze 16 Millionen Mal angeklickt, gute dreieinhalb Jahre später ist die Schallmauer von 20 Millionen Zugriffen längst überschritten.

Gepriesen wird von Kommentatoren dabei nicht nur die stilistische Finesse des jungen Interpreten – auch und besonders die souveräne Reife steht im Fokus von Hörern älteren Semesters, die die Anfänge von Blues und Boogie Woogie teilweise selbst noch miterlebten.

Eigentlich könnte es der Start einer Bilderbuchkarriere sein, wie sie die Zeit nach dem Millennium schreibt. Denn mit seinem Stride-Piano-Stil fällt der junge Könner aus Karlsruhe sichtlich auf – und begeistert selbst Szene-Kenner. 2008 schafft es Sestak bei Jugend musiziert fast bis an die Spitze, zwei Jahre später ist er ein erstes Mal im SWR-Fernsehen zu Gast, weitere Förderpreise folgen.

Doch dann kommt: die Vernunft. Da mochten internationale Festival-Buchungen das aufstrebende Talent schon um die halbe Welt geführt haben – zunächst regierte doch die Angst. „Ich wusste damals: Wenn das mit der Musik nichts wird, muss ich ein Standbein haben, auf das ich zurückgreifen kann“, wie es der heute 25-Jährige zurückblickend in Worte fasst. Dass das Maschinenbau-Studium, das Sestak 2014 in Karlsruhe aufnimmt, nicht mehr als ein Alibi ist, spürt der junge Mann aber dennoch schnell. Denn auch, wenn Luca wirklich versucht, sich den Vorlesungen so diszipliniert wie möglich zu widmen, reißen die Konzertanfragen einfach nicht ab.

„Ich musste ehrlich sein und mir eingestehen: Eigentlich will ich gar keine Auftritte absagen für ein Maschinenbau-Studium. Und mir war auch klar, dass die Musik einfach zu kurz kommen würde, wenn ich meinen Fokus jetzt auf etwas vollkommen anderes lege“, wie der Musiker heute resümiert. Die Rückkehr zu seiner Passion markiert den vielleicht konsequentesten Wandel im jungen Leben des Luca Sestak.

Denn als sich der 20-Jährige 2015 an der Mannheimer Popakademie einschreibt, begibt er sich dabei bewusst aus der Komfortzone und belegt nicht nur das Hauptfach Keyboard, sondern wählt als Nebenfach Gesang. Eine richtungsweisende Entscheidung. Denn fortan kreuzt sich der traditionelle Groove, den er im Blut hat, mit modernem Pop und stilvollem Soul zwischen Charlie Puth, Bruno Mars und Jamie Cullum. „Musik muss doch nicht einheitlich klingen, um zum Genuss zu werden“, gibt der 25-Jährige kess zu Protokoll und will vor allem sagen: „Ich habe so eine Lust darauf, der Welt zu zeigen, was mir gefällt.“

Eine Wegmarke, die der Wahl-Mannheimer mit der Veröffentlichung seines jüngsten Albums „Right Or Wrong“ auf beachtliche Art und Weise gesetzt hat. Denn mit der Platte geht Sestak zum einen stimmfest den Weg zwischen Reflexion und Entschlossenheit – andererseits spannt der Silberling auch genretechnisch von der Solo-Nummer auf präpariertem Klavier bis hin zum Uptempo-Electropop-Song weit seine Schwingen. Die Stoffe für seine Songs, die auf dem neuen Album von moralischer Anklage bis berührender Ballade reichen, nimmt sich der Sänger dabei ganz bewusst aus dem eigenen Leben, um sie authentisch auf den Hörer zu übertragen. Langsam, behutsam und mit dem richtigen Timing.

Denn Sestak ist klar, dass über zehn Jahre nach seinem ersten Erfolg kein Teenie-Star mehr aus ihm wird. Im Gespräch sieht er das aber eher als Vorteil: „Natürlich muss man sich bei einem eigenwilligen Stil wie meinem sein Publikum erst erarbeiten – und das kann dauern. Aber wenn ich erst einmal Menschen gefunden habe, die wirklich toll finden, was ich mache, werden sie mich so schnell nicht loslassen. Und dafür nehme ich auch gerne die Zeit in Kauf, die es braucht.“

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