Kultur

Frankreich Die Kritik an Kulturministerin Françoise Nyssen nimmt zu / Sie hat die hohen Erwartungen im Land nicht erfüllt

Große Ernüchterung in Frankreich

Archivartikel

„Endlich eine wahre Kulturministerin“ – so lautete der Tenor im vergangenen Jahr. In Françoise Nyssen hatte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron damals eine Frau ernannt, die an der Spitze eines der renommiertesten Verlagshäuser stand. Nach jahrelanger Verwaltung des Amts durch Technokraten war die Kulturszene des Landes begeistert. Doch nun ist die Ernüchterung groß.

Der Verlag der 67-Jährigen ist ins Visier der Justiz geraten. Nyssen soll ohne Baugenehmigung im schicken sechsten Stadtbezirk von Paris dessen Büros vergrößert haben. Vorermittlungen wurden eingeleitet. Vor ihrer Ernennung hatte Nyssen lange den Verlag „Actes Sud“ mit Hauptsitz im südfranzösischen Arles geleitet.

Ob Frankreich noch ein Kulturministerium braucht, diese Frage war in der Kulturszene schon vor den neuen Enthüllungen des „Canard enchaîné“ Mitte August aufgekommen. Bereits im Juni hatte das Enthüllungsblatt die Ministerin im Visier. Der Grund war ähnlich: Nyssen soll 2011 in Arles ihre Büros ohne Genehmigung erweitert haben. Erst sechs Jahre später mit Eintritt Nyssens am 17. Mai 2017 in die Regierung Macrons soll ihr Mann die Baugenehmigung beantragt haben.

In die Schlagzeilen kam Nyssen auch wegen der Gefahr des Interessenkonflikts. So wurde ihr Anfang Juli auf Druck der französischen Transparenzbehörde „Haute Autorité pour la transparence de la vie publique“ von der Regierung die Verantwortung für den Bereich Literatur und Verlagswesen entzogen.

Politikerin ohne Visionen

Von der Kulturszene wird Nyssen schon lange kritisiert. Die Budgetkürzungen ihres Ministeriums von 50 Millionen Euro hatte sie ohne großen Widerstand hingenommen. Sie werde kämpfen, doch derzeit könne sie keinen Einfluss ausüben, hatte sie bei der Eröffnung des Theaterfestivals in Avignon Anfang Juli 2017 gesagt. Auch auf die Visionen für die französische Kultur in den nächsten Jahren wartet die Kulturwelt bis heute vergeblich.

Im Land von Molière, Émile Zola und Victor Hugo ist die Kultur ein Eckpfeiler der französischen Identität und hat einen hohen Stellenwert. Mit dem Schriftsteller André Malraux und dem Theaterintendanten Jack Lang besaß Frankreich zwei international bedeutende Kulturminister. Malraux wurde 1959 als erster Minister in diesem Amt in der Fünften Republik ernannt. Er förderte umstrittene Autoren wie Jean Genet und machte sich für die moderne Kunst stark.

Aus seiner Zeit stammen die Deckenmalereien in der Pariser Oper Garnier und im Théâtre de l’Odéon, die er bei Marc Chagall und André Masson in Auftrag gegeben hatte. Auf Jack Lang, der das Amt in den 1980er und 1990er Jahren innehatte, geht die Erweiterung des Louvre zurück und die 1982 erstmals organisierte Fête de la musique, die heute am 21. Juni weltweit gefeiert wird.

Ihm folgten Namen, deren Amtszeiten kaum Spuren hinterlassen haben. Mit Nyssen hoffte man auf ein Ende der Ära der stromlinienförmigen Technokraten. Doch seit geraumer Zeit gibt es Gerüchte, dass die Ministerin vorzeitig aus dem Amt scheiden könnte. Eine Entscheidung, so wird spekuliert, könne demnächst anstehen.