Kultur

„Gullivers Reisen“

Eine der schwärzesten Satiren aller Zeiten sind bis heute „Gullivers Reisen“ von Jonathan Swift. Zum 350. Geburtstag Swifts waren sie in einer neuen Übersetzung herrlich blank geputzt herausgekommen. Nie zuvor las man den Gulliver so frisch, so frech, so böse. Ungeheuer kraftvoll und doch diebisch heiter ist die Übertragung, mit der Christa Schuenke sich des subversiven Klassikers angenommen hat. Erstmals erschienen 1726, sprüht Swifts überwältigende, aber immer kontrollierte Fabulierlust ungebrochen bis ins 21. Jahrhundert. Ihre Märchenplots und kunterbunten Abenteuerelemente zogen bald ein breites Publikum in den Bann. Dabei galt Gulliver (von gullible, leichtgläubig) von Coleridge über Thackery bis Scott, die Swift in seinem Helden eins zu eins versenkten, früh als Ausbund exzessiven Menschenhasses. Orwell warf Swifts Opus gar eine „reaktionäre Geisteshaltung“ vor. Was kann, was darf Satire ? Wenn sie, wie Swifts federleichte Prosa, von so überbordend wildem Witz, so scharfem Spott auf Kirche, Staat, Verwaltung und Justiz ist, einfach alles. Damit weitet sich Sozialsatire schlüssig bissig zur global genialisch gültigen Menschheitssatire. Dass Doc Gulliver nicht Swift ist – eine Binse. Er bleibt konkurrenzlos eine reine Lesefreude. dss

Gullivers Reisen. Aus dem Englischen von Christa Schuenke. Manesse. 704 S., 28 Euro.