Kultur

Gut wie ein Krustenbraten

Auch in Zeiten, in denen der Jazz mit Hip-Hop, Weltmusik und Elektronik flirtet, sind traditionelle Tugenden noch gefragt; Swing-Gefühl etwa oder im Blues verwurzelte Expressivität. Solche Fertigkeiten spielen in der Musik des schwedischen Pianisten Jan Lundgren eine wichtige Rolle. Sein Album "Potsdamer Platz" (aufgenommen im legendären Berliner Hansa Studio) ist erfüllt von reizvoll nostalgischem - oder sollte man nicht besser sagen- zeitlosem - Flair. Das Titelstück erinnert in seiner Funk-Stimmung an den Keith Jarrett der 70er Jahre, die Art, wie Lundgren in dem Soul-Walzer "Lycklig Resa" mit Harmonieverschiebungen spielt, lässt Assoziationen an Dave Brubeck wachwerden. Und der "Twelve Tone Rag", ein leicht schräger Blues, der auf einer Zwölf-Ton-Skala basiert, hätte auch in der Cool-Jazz-Ära komponiert worden sein können. An Brubeck erinnert auch die Art, wie der Pianist die unterschiedlichen Temperamente seiner Bandmitglieder zu einem homogenen Ganzen integriert: Jukka Perkos singende, zwischen Paul Desmond und Sonny Criss changierenden Altsaxofonlinien, den gravitätischen Bass von Dan Berglund und das federleichte Schlagzeugspiel Morten Lunds. Die Vier erfinden zwar den Jazz nicht neu. Aber in Zeiten veganer Trends mundet ja auch noch der gute alte Krustenbraten - wenn er geschmackvoll zubereitet ist. So wie diese Musik. (gespi)

"Potsdamer Platz" (ACT Music)