Kultur

Interview Bassist Tony Levin äußert sich über die anstehende Tour von King Crimson und Deutschland

„Gutes Zuhause für progressiven Rock“

Die britische Progressive-Rock-Gruppe King Crimson war vor rund 50 Jahren eine der ersten Bands, die der Rockmusik einen anderen Sound mitgegeben haben. In verschiedenen Formationen, die allesamt um Gitarrist und Bandchef Robert Fripp kreisen, hat sich die Gruppe im Lauf der Jahrzehnte immer wieder erneuert und dabei Akzente gesetzt.

Mit dabei seit fast 40 Jahren auch der US-amerikanische Bassist Tony Levin, der zuvor und währenddessen schon mit Größen wie David Bowie oder Peter Gabriel gearbeitet hat. Vor der anstehenden Tour erklärt der 72-Jährige, wie es im Inneren der Band und ihm selbst so aussieht.

Herr Levin, noch vor ein paar Monaten hatte Robert Fripp verlauten lassen, King Crimson komme nicht mehr nach Europa wegen des „Brexit“, jetzt aber doch. Was ist passiert?

Tony Levin: Ich habe keine Ahnung, ich bin doch nur der Bassist. Robert und das Management treffen die Entscheidungen. Und wir gehen dann dorthin, wo er uns hin haben möchte.

Ihren Deutschlandkonzerten geht die Kunde voraus, Sie würden jeden Abend ein anderes Set spielen?

Levin: Ja, werden wir, wenngleich auch nicht komplett anders. Aber wir wollen 50 Stücke einstudieren. Und Robert pflegt vor dem Abend selbst uns Bescheid zu geben, was wir heute Abend spielen werden. Meist per Email. Wenn einer dann ein Problem mit der Reihenfolge der Songs hat, kann die noch geändert werden. Wenn wir mehrere Abende in einer Stadt spielen, wird die Setlist auf jeden Fall variieren.

Außerdem schaut Robert auch, was wir zum letzten Mal an diesem Ort gespielt haben. Aber die Proben gehen erst im April los, und ich lass mich überraschen, was dann alles kommt.

Finden Sie diese Abwechslung eher erfrischend oder anstrengend?

Levin: Beides. In technischer Hinsicht ist es sehr hart, diese ganzen Parts jederzeit drauf zu haben. Wir spielen ja auch einige Medleys, es sind nie einfache Strukturen und die Shows dauern rund drei Stunden. Aber für das Publikum ist es doch klasse und immer ein bisschen wie ein Abenteuer. Sowohl für den, der in der Band ist als auch für den Fan.

Sie spielen nun schon seit 1981 bei King Crimson, so lange wie noch kein anderer Musiker vor Ihnen. Haben Sie sich schon einmal gefragt, wieso?

Levin: Eine sehr gute Frage. Die ich aber bisher weder mir noch Robert Fripp gestellt habe. Ich war in den 80ern dabei, und es war schade, dass diese Formation aufhörte, ebenso wie in den 90ern. Über all die Jahre hatte ich aber sehr viel Respekt vor der musikalischen Vision Roberts und war immer stolz darauf, dass ich ein Teil davon sein kann. Musikalisch ist es immer eine Herausforderung, und anscheinend habe ich auch ein bisschen Glück, dabei zu sein. Ich denke aber generell nicht so viel über die Umstände nach, sondern konzentriere mich auf die Musik.

Wie ist es eigentlich, Teil von King Crimson zu sein: Spielt man dann in Robert Fripps Band oder ist diese eine demokratische Angelegenheit?

Levin: Schwierig zu sagen. Robert hat auf jeden Fall eine tolle Art, die Band am Laufen zu halten. Es ist vielleicht nicht demokratisch, aber alle von uns sind gleich. Und jeder darf im Rahmen der vorgegebenen Parts auf seinem Instrument spielen, was er möchte. Robert schreibt zwar diese Parts, schreibt aber niemanden vor, wie er sie interpretiert. Das ist auch ein bisschen das Geheimnis hinter King Crimson: Robert holt sich nicht einfach gute Musiker, die seine Musik spielen, sondern Musiker, die derselben Vision folgen können. Das sieht man am besten an unseren drei Schlagzeugern. Das sind nicht einfach drei gute Drummer, sondern genau die drei richtigen für den Job.

Mit Ihrem Trio „Stick Men“ spielen Sie einem der Musik von King Crimson sehr verwandten Sound. Warum?

Levin: Das ergibt sich alleine schon daraus, dass Schlagzeuger Pat Mastelotto auch mit dabei ist. Aber unser Material ist zwar ebenso komplex und auch progressiv.

Allerdings spielen die „Stick Men“ zu dritt statt zu acht, was eine andere Form der Herausforderung ist. Jeder von uns schreibt so viel Material und versucht dieses mit den Musikern auszuprobieren, wo es am besten passt. Es ist schön für mich, immer wieder neben den Aktivitäten mit King Crimson oder Peter Gabriel zu den „Stick Men“ zurück zu kommen. Das ist mir ebenso wie unserem Gitarristen Markus Reiter sehr wichtig.

Vor einigen Jahren haben Sie mit John Petrucci und Jordan Rudess von Dream Theater zwei Alben aufgenommen, die beide zehn beziehungsweise 20 Jahre jünger als Sie sind. Ist das Zusammenspiel mit jüngeren Musikern für Sie immer wieder eine willkommene Herausforderung?

Levin: Ja, aber nicht, weil sie jünger sind, sondern schneller. Das ist die eigentliche Herausforderung für mich gewesen. Schade ist es dann immer nur, wenn man gemeinsam tolle Musik schreibt, diese aber nicht live präsentieren kann, weil jeder so viel zu tun hat. Wir haben zwei tolle Alben gemacht in zehn Jahren, leider aber nur eine einwöchige Tour.

Was ist das Besondere daran, in Deutschland zu spielen?

Levin: Ich bin schon seit Jahrzehnten hier unterwegs, mit größeren und kleineren Bands, in Arenen und Clubs.

Was ich hier aber zu schätzen weiß, ist, dass Deutschland ein gutes Zuhause für progressiven Rock bietet. Mit Peter Gabriel habe ich in den 70ern und frühen 80ern so viel hier gespielt wie nirgendwo anders. Damals, 1977, hat Peter Gabriel auf seinen Konzerten kein Genesis-Stück gespielt. Woanders sind die Leute deswegen ausgeflippt, in Deutschland haben sie es besser aufgenommen.

Ohne ein Publikum, das auch neugierig auf Neues ist, würde es einer Band schlecht gehen. Eva-Maria Lechner