Kultur

Haben Sie etwas gelernt?

Archivartikel

Liebe Leserinnen und Leser,

es ist das dreißigste Corona Tagebuch, ein Jubiläum. Heute will ich von Dingen schreiben, die ich gewonnen habe in dieser Zeit. Ich weiß, es gibt keine guten Seiten an einer Pandemie, und doch wäre es gut, wir würden, bevor wieder alles aufmacht, ein Blatt mit neuen Gewohnheiten vollschreiben, die gut waren, obwohl der Anlass schlecht war.


> Antworten - Ihre Meinung: E-Mail an Jagoda Marinic

Ich habe die Musik wiederentdeckt, weil ich so viel zuhause war. Ich entdeckte Stars, die vor Jahren Awards eingeheimst haben, für die ich aber keine Zeit hatte, weil ich zu beschäftigt war. Meine schönste Trouvaille ist die spanische Sängerin Bebe mit ihrem Lied „Respirar.“ Atmen. Die eigene Haut wiederfinden. Das waren schwierige Wochen für Deutschland, eine seltsame Mischung aus Angst und unwirklicher Bedrohung, aus Übermut und Sehnsucht nach Normalität, all die Ambivalenz: Was rettet Leben? Was ruiniert Existenzen?

Ich habe das Telefonieren wiederentdeckt. Ich habe seit Jahren nicht mehr so viel telefoniert. Statt Videokonferenzen, die mir meist nicht das geben, was ich brauche, habe ich telefoniert ohne Ende. Die Älteren und Kranken angerufen, um die ich mich sorge, sichergestellt, dass sie die Hygieneregeln nicht für Humbug halten oder für unnötig. Die Übermütigen und in ihrer Existenz Bedrohten, im Versuch, ein paar Gegenargumente zu ihrer Verzweiflung zu setzen, damit sie nicht abdriften zu den Verschwörungstheoretikern. Auch das: Ja, warum sollte man sich nicht täglich kurz hören, weil alle ständig zu beschäftigt sind?

Ich habe wieder mehr gelesen, weil man an den Abenden nicht raus kann. Und so sehr ich die Kulturhäuser vermisse, so wenig vermisse ich diesen Druck, immer dem nächsten wunderbaren Event nachzurennen. Im Moment verpasse ich nichts und niemanden, und das ist ein schönes Gefühl. Es lässt sich vielleicht über diese Zeit retten. Ich bin so „Tagesschau“-versessen wie mein Vater geworden, dabei habe ich früher vor allem CNN geschaut. Es ist so vieles, was ich die letzten Wochen aufmerksamer getan habe. Und Sie? Wollen Sie etwas aus dieser Zeit gelernt haben? Nicht das Schwere, das hatten wir alle, sondern etwas, dass Sie besser machten als sonst? Bleiben Sie vorsichtig, wenn am Montag die großen Konsumtempel aufmachen, und bleiben Sie gesund!

Jagoda Marinic

Das Tagebuch als Podcast bei Spotify und Deezer

Das Corona-Tagebuch von Jagoda Marinic finden Sie  ab jetzt auch auf den Streaming-Portalen Spotify und Deezer. Bei beiden Diensten ist eine Registrierung erforderlich.

Zum Thema