Kultur

Heimkino Disney startet am Dienstag hauseigene Streaming-Plattform mit umfangreichem Angebot / Datenüberlastung befürchtet

Hält das Netz Marvel & Co. stand?

Archivartikel

Neben den Herstellern von Atemmasken, Desinfektionsmitteln und Toilettenpapier werden auch die Streaming-Dienste als große Gewinner aus der Corona-Krise hervorgehen. Dabei herrscht auf dem digitalen Entertainment-Markt gerade ein unerbittlicher Konkurrenzkampf. Die Zeiten, in denen sich die Platzhirsche „Amazon Prime“ und „Netflix“ den Kuchen mehr oder weniger alleine aufteilten, sind endgültig vorbei. Denn mit „Disney+“ geht am 24.März auch in Deutschland ein Konkurrent ans Netz, der nicht nur das Feld der Online-Unterhaltung aufmischt, sondern auch die Spielregeln neu bestimmt. Denn die Produktionen des machtvollen Disney-Konzerns sollen bald ausschließlich auf der hauseigenen Plattform zu sehen sein. Und das sind längst nicht nur Klassiker wie „Mickey Mouse“, „Bambi“ oder „Das Dschungelbuch“, mit denen der Firmenname gemeinhin verbunden wird.

Disney hat sich in den vergangenen fünfzehn Jahren mit einer offensiven Übernahmepolitik einige Konkurrenzunternehmen einverleibt. Es fing 2006 mit den Pixar-Studios an, die sich mit „Toy Story“ und „Findet Nemo“ ganz nach oben in die Kinocharts gearbeitet hatten. Drei Jahre später wurde mit den Marvel-Studios der Marktführer in Sachen Comic-Verfilmungen aufgekauft, 2012 folgte „Lucasfilm“ mit den Rechten an Goldesel-Produktionen wie „Star Wars“ und „Indiana Jones“ und vor einem Jahr schluckte Disney schließlich auch noch die traditionsreichen 20th Century Fox, womit etwa Filme wie „Avatar“ oder „X-Men“ mit ins Portfolio aufgenommen werden konnten.

Das alles ergibt einen riesigen und lukrativen Inhalt, auf den in Zukunft nach Auslaufen bestehender Verträge „Disney+“ das Streaming-Monopol haben wird. Der Konzern kalkuliert bis 2024 weltweit mit 60 bis 90 Millionen Kunden. Da ist der Corona-Effekt noch nicht mit einberechnet. In Deutschland startet „Disney+“ am Dienstag mit mehr als 500 Filmen, mehr als 350 Serien und 25 „Disney+“-Originalfilmen.

Darunter sind die ersten acht „Star Wars“-Episoden sowie als frisches Suchtfutter die neue Star-Wars-Serie „The Mandalorian“, deren Folgen jedoch nicht wie bei Netflix üblich auf einmal hochgeladen, sondern in altertümlicher TV-Manier Woche für Woche veröffentlicht werden. Weitere Serien aus weit entfernten Galaxien sind in Planung wie eine noch unbenannte um Obi-Wan Kenobi mit Ewan McGregor in der Hauptrolle.

Aus dem Marvel-Fundus sind alle Avengers-, Thor-, Captain-America- und X-Men-Folgen im Programm sowie die neuen Produktionen wie „Black Panther“ und „Captain Marvel“. Die Kinostoffe werden mit zehn weiteren Marvel-Serien gestreckt.

Belastungsgrenze droht

Spider-Man und Ironman müssen jedoch noch auf ihre Aufnahme in den Streaming-Olymp warten. Die Rechte hierfür liegen noch bei anderen Studios. Genauso wie „Deadpool“, der mit seinen rüden Sprüchen nicht ins familienfreundliche Konzept passt. Die Pixar-Filme von „Wall-E“ bis „Alles steht Kopf“ dürfen ebenso wie die Disney Zeichentrick-Klassiker von „Bambi“ bis „König der Löwen“ hingegen vollzählig antreten. „National Geographic“ steuert zudem zahlreiche Naturdokumentationen bei und als Schlagsahne obendrauf gibt es noch 600 Folgen von „The Simpsons“.

Bis Montag kostet das Abo 5,90 monatlich (59 Euro jährlich), danach dann 6,90 beziehungsweise 69 Euro. Damit liegt der Preis deutlich unter der Netflix-Flatrate.

Normalerweise heißt es in der freien Marktwirtschaft ja, dass Konkurrenz das Geschäft belebt und Konsumenten aus dem Wettkampf den Nutzen ziehen. Aber in diesem Fall könnte es anders kommen: Filmfans müssen sich wohl daran gewöhnen, dass sie für mehrere Streaming-Dienste zahlen müssen oder sich im monatlichen Rotationsverfahren ein sorgfältig geplantes Plattform-Hopping zu eigen machen. Denn es sieht so aus, als würde Disneys Abkapselungsstrategie Schule machen.

Der US-Medienkonzern „Warner“ hat ebenfalls schon eine eigene Plattform angekündigt und zum umfangreichen Eigenbestand beim Qualitätssender HBO Serien wie „Games of Thrones“ oder „Sopranos“ eingekauft. Aber noch ein anders Problem könnte am Dienstag dringender sein: Beim Start von „Disney+“ in den USA sollen sich in den ersten Stunden 10 Millionen Menschen registriert haben. Sollte der Zuspruch in Deutschland ähnlich groß sein, könnte das Netz, das coronabedingt durch Videokonferenzen und Home-Office ohnehin schon unter dem Datenverkehr leidet, an seine Belastungsgrenzen kommen. In Frankreich wurde der Start von „Disney+“ schon auf Druck der Regierung verschoben.

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